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Full text of "Eros in der Vasenmalerei"

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EROS IN DER 
VASENMALEREI 



Adolf Furtwängler 



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C 

GALLERIES. 



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ASHMOLEAN LIBRARY , OXFORD 

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24 FEß 1990 



EROS 

IN DEB 

VASENMALEREI 

VON 

DR. ADOLF FURTWANGLER, 




MÜHCHEN. 
THEODOR ACKERMANN. 



1874. 



jplEINRICH ^RUNN 



^US INNIGER 



Verehrung und JDankbarkeit 



GEWIDMET 



VOM y ERFASSE!^. 



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Wohl keinen gott haben die Vasenmaler häufiger und 
verschiedenartiger dargestellt als Eros; wenn man es dennoch 
bisher unterlassen hat, sein vorkommen besonders zu unter- 
suchen, so mag das vor allem darin seinen grund haben, 
dass er nur wenig mythisches interesse bietet; denn Eros 
hat keine eigentlichen mythen und sein wesen ist vorwiegend 
begrifflich; aber gerade dies macht seine entwickelung so 
äusserst anziehend und lehrreich. Ja esmussEros, der frei, 
ohne bände der tradition, künstlerisch verwendet werden 
durfte, dessen auftreten meist dem zu gründe liegenden 
gedanken selbst, nicht der äussern Überlieferung verdankt 
wird, ein vorzüglicher gradmesser des geistigen Standpunktes 
der künstler sein. Dennoch begnügte man sieh bisher mit 
allgemeinen bemerkungen und ohne halt schwankte das 
urteil, man vermengte die verschiedensten anschauungen, 
namentlich die der Vasenmaler mit den späteren. Das fol- 
gende soll ein beitrag zur läuterung und klärung vor allem 
da, wo es am nötigsten, auf dem gebiete der Vasen sein, 
eiu beitrag der künftigen umfassenderen arbeiten über diesen 
kreis begrifflicher wesen einen festen grund bereiten will. 
Nur selten wird polemik gegen bisherige ansichten gefordert 
erscheinen, da die meisten resultate sich durch eine um- 
fassende Statistik der tatsachen und deren unbefangene 
beurteilung von selbst ergeben. 

Das dunkel der mythischen anfange des Eros zu lichten, 
liegt keineswegs in unserer absieht ; da wenigstens die er- 
haltne kunst ihre anregung nicht der mythologie und dem 



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kult sondern freipoetischen Schöpfungen verdankt, so sind 
eben auch nur leztere für uns von bedeutung. Um uns da- 
her die allgemeinen grundanschauungen, welche die Vasen- 
malerei in gestaltung und anwendung des Eros bestimmen, 
zu vergegenwärtigen, müssen wir einen blick auf die art 
werfen, wie die poesie, zunächst in voralexandrinischer pe- 
riode, Eros behandelt. 

Einleitung: Eros in voralexandrinischer poesie. 

Schon bei Hesiod ist Eros eine fertige persönlich- 
keit, diener der Aphrodite, der schönste der götter, mit den 
Chariten verbunden, gott des zeugungstriebes, der alle be- 
herrscht (theog. 116, 201, 64); dennoch ist der begriffliche 
grundcharakter klar; da nun seit alter Zeit (Homer) ipws 
mit ijutpos synonym gebraucht ward, so konnte auch Hime- 
ros zur person werden : mag auch der gott Eros dem Hesiod 
durch den thespischen cult nahegelegt worden sein, so ist 
doch Himeros eine freie poetische Schöpfung und weist uns auf 
die bahn der wir die Weiterentwicklung des Eros verdanken. 
Archilochos der Jonier weiss nichts vom gotte Eros, ja 
er mu8s (fr. 103 nach Bergk 3. aufl., wie das flg.) l'poor 
näher specialisiren als tpa>s <piX6tt)rof' y dagegen personificirt 
er einen XvatjuBÄys TI6$o< (fr. 85). Sicher persönlich ist 
er wieder bei dem aeolisch-dorischen A 1 k m a n , übermü- 
tig auf blumen hinschreitend (fr. 38; 36; 16 p. 1, 13). 
Alkuins, der Lesbier, preist ihn btivorarov StW, söhn der 
Iris und des Zephyros (fr. 13); nicht minder Sappho: er 
kömmt in purpurner chlamys vom himmel, erschüttert ihr 
herz (fr. 64, 42, 74, 125, 132, 40). Vor allen aber Ana- 
kreon: Eros y die nymphen und Aphrodite spielen mit Dio- 
nysos; wie ein schmied hämmert er mit dem beile und ba- 
det mich in winterlichem waldstrom, er wirft mir den ball 
zum spiele zu, alles symbolisch gedacht, denn die astragalcn 
des Eros sind raserei und kampfgewühl; doch vom graubart 
fliegt er weg (fr. 2, 48, 14, 47, 25, 63, 13, 24, 62). Ueber- 



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all ist Eros feste persönlichkeit, aber alles von ihm gesagte 
wird aus seinem begriff und wesen abgeleitet und in kräf- 
tig phantasievollen symbolischen bildern gegeben. Es kom- 
men weder bogen noch fackel, auch nicht mehrere Eroten 
vor (denn fr. 129 ist die fassung bei Himer, or. 14,4 sehr 
verdächtig und erlaubt gar keine Schlüsse). Dem Anakreon 
steht Ibykos nicht nach und ist ihm sehr verwandt: es 
stürmt Eros, wie der thrakische Boreas, finster unerschro- 
cken neben Kypris her , oder er lockt durch seinen 
zauberhaften schmelzenden blick in die netze der Aphrodite 
(fr. 1 u. 2). Erwähnung verdienen ferner Simonides, der 
Eros grausam, von schlimmen eitern nennt (fr. 43) und 
Theognis wenn 1231, 1275 ff. von ihm sind. 

Dem gegenüber muss es sehr überraschen, dass wir bei 
Pindar Eros als persönlichkeit nicht nachweisen können; 
zum mindesten zweifelhaft ist eine persönliche auffassung fr. 
104 (ßergk), Isthm. 8, 29; allgemein-begierde streben: Pyth. 
10, 60, Nem. 3, 29 wo tputt^ wie auch Nem. 8, 5; 11, 48, 
bestimmt erotische triebe fr. 100; 105; 99, 4 nennt er Aphro- 
dite iLiaxip IpoüTtov, nach analogie der übrigen stellen wol 
auch begrifflich zu fassen, obwol nur wenig von wirklichen 
persönlichen Eroten entfernt. Aehnlich ist es bei Aeschy- 
lu8, tp«o< für liebesbegierde z. B. Ag. 540, 743, Prom. 591, 
Cho. 600, auch der plural: Cho. 598, Suppl. 1042 wo die 
\l>tSvpat Tpföot {ptoTwv jedenfalls der persönlichen auffas- 
sung 8 ehr nahe stehen. Häufig ist ijaepot begrifflich, auch 
Prom. 649 ist ijuipov ßiXu nicht persönlich gedacht. Sichrer 
ist Pothos personificirt, er ist nebst Peitho nächster beglei- 
ter der Aphrodite (Suppl. 1039). Bei Sophokles dagegen 
ist Eros ein gott und töricht wer ihm entgegen ringen will 
(Trach. 354, 361 cf. Anakr. fr. 63). Bekannt ist Antig. 781 : 
der unbesiegbare Eros herrscht in natur wie unter den men- 
schen, er schwebt über land und meer, niemand entflieht 
ihm, zu unrechten taten verleitet er: — das begriffliche we- 
sen ist hier noch ganz im Vordergrund, die Wirkung des 
affectes den Eros repräsentirt, wird grossartig und weit ge- 



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fasst, von einer durchgebildeten persönlichkeit desselben fin- 
den wir nichts, epoortf kommen nur begrifflich vor (Ai. 1205, 
Ant. 617) und weder Himeros noch Po t hos sind personen. 
Bei Euripides kömmt Eros macht zu grösster anerken- 
nung und oft wird seine und der Aphrodite allgewalt über 
natur und menschen geschildert (Hipp. 1269, fr. 271, 132, 
433, Tro. 839), ohnerückhalt wird ausgesprochen dass auch 
Zeus sich dem Eros willig fügt (fr. 434 im gegensatze zu 
Soph. vorsichtiger äusserung fr. 856); er ist söhn des Zeus 
und bringt auch unheil, wird aber doch nicht verehrt. Auch 
bei Eur. erscheint Eros eng mit Aphrodite verknüpft: Hipp. 
525, 1270, Bakch. 420 wohnen die StXEippovtf "Epu>t(f auf 
Kypros, fr. 781, 16 ist Aphrodite herrscherin 'Epwxwv) wir 
begegnen hier zum ersten male einer mehrzahl von Eroten 
als diener der Aphrodite sicher persönlich, ebenso Med. 627, 
844, 330 : ohne mythologischen unterschied werden "Epaorti 
und "Epof gebraucht, wie es eben passt (ganz wie dann in 
der kunst) und es ist ein schlagendes zeugniss für das be- 
griffliche wesen des damaligen Eros, eben dass man ihn ver- 
vielfachen konnte. Ganz der innersten Euripideischen denk- 
weise eigen ist aber die philosophisch-moralisirende Schei- 
dung, die er in wesen und wirken des Eros vornimmt, in- 
dem er nemlich die gute massige zu tugend Weisheit und 
glück führende liebe von der schlimmen unmässigen in's 
unglück stürzenden scheidet.*) So erklärt sich das lob das 
Eur. dem Eros spendet als lehrer edler begeisterung und 
dichtkunst, der Weisheit und tugend (fr. 666, 889, Med. 844). 
Wem fällt hier nicht Pia ton ein, der im Symp. c. 19 den 
Agathon dasselbe reden lässt; auch die Scheidung des Pan- 
demos und Uranios, eines reinen massigen und des gegen- 
teils, sowie der allgemeine Eros der Weisheit und tugend 
sind ganz in Euripideiscbem geiste. Uebereinstimmend mit 
dieser philosophischen richtung wiegt auch bei Euripides das 



*) fr. 551, 671, Med. 627, fr. adesp. 151 wahrscheinlich von ihm; 
fr. 342, Hipp. 525 Eros uQQv&fiog ; am klarsten Iph. Aul. 544. 



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begriffliche element in Eros noch weit vor und von einer 
menschlich persönlichen durch bildung ist nicht zu reden. 
So ist die Scheidung zweier arten von Eros ganz aus beob- 
achtung des zu gründe liegenden affects ohne rücksicht auf 
persönlichkeit hervorgegangen, ebenso sind die ihm beige- 
legten handlungen begrifflich symbolisch gefasst (z. b. tyvxdf 
xapäaati fr. 434; Tro. 839); dagegen scheint der ihm hier 
zuerst beigelegte bogen zusprechen: Med. 530 "Epoof a'yvdy- 
nacst rö&on dfVKTOis, doch gleich v. 632 spricht Eur. auch 
von einer Aphrodite die pfeile sendet, offenbar allgemein 
poetisch; noch klarer wird das begrifflich-symbolische dieser 
pfeile Hipp. 531, wo das ßl Xos der Aphrodite das Eros ent- 
sendet dem ßiXof des feuers und dem der sterne überlegen 
genannt wird; auch Hipp. 392 ist begrifflich zu fassen. An- 
ders steht es in jeder beziehung mit Iph. Aul. 544, wo 
Handlung und ausdruck nicht an der durchaus menschlich - 
persönlichen auffassung zweifeln lassen und wo der |bogen 
festes attribut des gottes ist, mit dem er liebe sendet; da= 
bei ist jedoch nicht zu übersehen dass Iph. Aul. das spä- 
teste, vom dichter selbst unvollendet hinterlassene stück ist ; 
so dürfen wir wol schliessen dass eben in dieser zeit (ende 
5. jhh.) der bogen als attribut des mächtigen gottes sich all- 
mälig in der Vorstellung festsetzte. Sehr wahrscheinlich ist 
mir dass diese anschauung einem beliebten poetischen bilde, 
das die entzündende glut der äugen mit geschossen ver- 
gleicht (z. b. Anth. Gr. 1, 13, 37) seinen Ursprung verdanke, 
indem gerade bei Eros die gewalt des blickes oft gepriesen 
wird.*) Pothos erscheint seinem wesen gemäss den rasenden 
mänaden freundlich (Bakch. 412). — Die eigentlich popu- 
lären Vorstellungen der zeit giebtuns aber Aristophanes 
wo Eros in seinen beiden haupttätigkeiten erscheint, liebes- 
paare zusammenzuführen**) und Schönheit zu verleihen (Lys. 



*) z.b. Ibykoa fr. 2, Eur. Hipp. 525; Borgk p. lyr. p. 1273 Tim. 
**) Ach. 929; Eocl. 954, 962, Av. 1601 lenkt er den hochzeits- 
wagen des Zeus. 



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515); die orphisch-theogonischen Erosspeculationen werden 
verspottet Av. 657 und Pothos personificirt ib. 1220. Der 
bogen als attribut kömmt nicht vor. Auch die vorsokrati- 
schen reden in Piatons Symposion geben ein lebendiges bild 
der anschauungen im kreise der gebildeten: überall wird 
Eros noch begrifflich behandelt. Die von einigen alten dem 
Piaton zugeschriebenen epigr. 31 u. 32 (Bergk p. 628, cf. 
618) sind sicherlich nicht von ihm; dies beweisen vor allem 
die dem Piaton noch fremden ganz hellenistischen anschau- 
ungen von Eros. — Ueberhaupt aber muss Eros eben zu 
ende 5. und anfang 4. jhh. in Athen ein neues lebhaftes in- 
teresse erregt haben ; dass Piaton einen eignen dialog zu sei- 
nem preise schreiben konnte, ist bezeichnend genug; um so 
mehr ist zu beklagen, dass wir von der poetischen literatur 
des 4. jhh., ausser dürftigen resten, nichts besitzen. Aus den 
frg. der Tragiker ist etwa zu nennen Aristarch fr. 2: 
Eros macht auch den schwachen stark, ganz vom begriffli- 
chen Standpunkt. Von Dikaiogenes (fr. 1) werden in sym- 
bolischem sinne netze des Eros genannt. Unter den lyri- 
kern dichtete Philoxenos vielleicht ein eignes melos auf 
Eros (Bergk p. 1261); schön ist Melanipp. fr. 7. Etwas mehr 
bieten die frg. der Komödie, wo ja die liebe jetzt eine 
hauptrolle spielte; charakteristisch ist Timoth. (?) Meineke 
3,589 = Bergk p. 1273. Eine eigne mischung der begriff- 
lichen mit der rein menschlichen auffassung ist es, wenn 
Eubulos den Eros lieber ungeflügelt dargestellt sähe, da er 
so schwer wegzubringen ist (Mein. 3, 226, 3), oder wenn 
ihn Alexis nicht männlich noch weiblich sondern aus allen 
möglichen eigenschaften zusammengesetzt nennt 3, 495), 
was uns lebhaft an Schöpfungen wie der Demos des Parrha- 
sios erinnert. (Vergl. ferner Alexis 3, 392, 1 ; 3, 411). Auch 
was von Menander erhalten ist, gehört noch in diese reihe, 
ja, wie überhaupt die sentenzen Menanders, schliessen sich 
auch seine aussagen über Eros direkt an Euripides an (IV. 
203, 4; 128, 1; 131, 1), ein beweis dass das ganze 4. jhh. 
keine von Eurip. wesentlich verschiedenen Eros Vorstellungen 
ausbildete. 



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Ueberblicken wir diese entwicklungsreihe bis zu den 
Alexandrinern, so erscheint zuerst der Aeolische stamm, 
ganz seinem leidenschaftlichen subjectiven character ent- 
sprechend, als träger des gottes Eros, der zuerst bei Hesiod 
erscheint; Alkman übermittelt ihn den Doriern; dann Alk- 
aios und Sappho. Erst durch den einfluss dieser Aeolischen 
dichtung scheint Eros auch bei den Joniern eingang gefun- 
den zu haben,- namentlich ist esAnakreon, der mit der gan- 
zen ionischen lebendigkeit und anmutig frischen anschauung 
sich des Eros bemächtigte. Dagegen musste eine reaktion 
erfolgen in der universalen melik eines Pindar, der es nicht 
auf darstellung des leicht erregten empfindungslebens ankam, 
sondern die vor allem auf mächtigen gedankeninhalt zielte, 
der es nicht um veräusserlichung in personen , vielmehr um 
Vertiefung in begriffe zu tun sein musste. Nur durch an- 
nähme einer solchen reaktion ist die tatsache zu erklären, 
dass Pindar den Eros nur als begriff verwendet, aber eben 
dieser begrifflichen Vertiefung entspringt die von Pindar so 
beliebte mehrzahl von tpwttf. Dem Pindar ist Aeschylus 
verwandt, wie in allem, so auch hier; zwar war Eros bereits 
auch nach Athen gedrungen, Anakreon sang an Hipparchos 
hofe und zu derselben zeit wird Eros ein altar in der Aka- 
demie errichtet; doch Aeschylus folgt Pindar und wendet 
sich von diesem populären , vorzugsweise päderastischen 
Eros ab, denn auch ihm kömmt es zunächst auf möglichst 
tiefe durchbildung der begriffe an, alles äussere, blos über- 
lieferte wird weggeworfen, um neu zu schaffen auf selbstän- 
diger grundlage des gedankens und Aeschylus personificirt 
lieber einen Pothos, als dass er den traditionellen Eros an- 
nähme. So musste denn nach dieser begrifflichen durchbil- 
dung der gott Eros in der Attischen poesie erst wieder neu- 
geboren werden; dies konnte nicht lange ausbleiben, je 
mehr anmutig sinnliche empfindung der gedankentiefe den 
rang ablief und je mehr die liebe als wirksames motiv in 
die handlung selbst eindrang : was Sophokles beginnt , vol- 
lenden Euripides und dessen nachfolger; dass in dieser neuen 



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entwicklungsphase Eros vorzugsweise von der psychologischen 
seite gefasst werden musste, leuchtet ein. 

Gehen wir nun nach dieser einleitenden orientirung zu 
unserm eigentlichen zwecke, der gestaltung des Eros in der 
kunst über, so trennt sich hier eine ältere periode von einer 
jüngern ziemlich bestimmt ab. 

• 

I. Vor der freiheit der kunst. 

Der eigentlich archaischen kunst ist Eros überhaupt fremd; 
es erklärt sich dies teils aus der localen beschränktheit des 
älteren Eros auf orte und stamme, die in der kunst kaum 
eine rolle spielten, teils aus dem Charakter der archaischen 
kunst selbst, die mehr äussere darstellung der handlung als 
psychologische motivirung derselben bezweckt. — Wol spä- 
tem Ursprungs, aber durch den architectonischen charakter 
dem archaischen nahe stehend sind zwei thonreliefs, 
die , indem sie wol einem religiösen zwecke dienten , eine 
ausnähme machen, doch ist Eros beidemale untergeordnet: 
Mon. d. J. 1, 18 aus Aegina: Eros ist als mellephebe ge- 
bildet und trägt wie auch andere männliche figuren dieser 
sog. melischen reliefs. ein kurzes röckchen, die flügel setzen 
noch an den schultern an. Kaum sicher ist die göttin zu 
bestimmen mit der er hier, gewiss mythologisch, eng ver- 
bunden erscheint; nach Welcker wäre es Hekate, nach Ste- 
phani (CR. 1863, 156; 1864, 108) Aphrodite-Nemesis, doch 
gerade Nemesis ist Eros immer feindlich, ich möchte daher 
an Artemis EvnpaB.^ (Ann. d. J. 1849, H.) oder an Artemis 
Peitho (Paus. 2, 21, l) erinnern, wobei sich auch die greife 
am besten erklärten. Sicher als diener und ausfluss der 
Aphrodite erscheint Eros auf dem andern relief in München 
(Ann. d. J. 1867, D), er steht als knabe gebildet in der 
linken die leier, die rechte vorstreckend, auf dem arme der 
mutter. Ebenfalls bei Aphrodite ist er auf dem unbedeuten- 
den archaisirenden relief Ann. d. J. 1830, L, 2. 

Nur aus beschreibungen bekannt sind mir zwei griechi- 



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sehe spiegelgriffe (Bull. d. J. 1865, 131 ; Guide to the bronze 
room of the Brit. mus. p. 13), wo Aphrodite in strenger 
haltung nach dem alten typus aufrecht steht, während über 
ihren schultern zwei^Eroten schweben, die den Spiegel stütz- 
ten; ob man wirklich mit Newton die zeit kurz vor Phidias 
für die entstehung annehmen darf, : ist mir sehr zweifelhaft; 
es scheinen mir die schwebenden Eroten nicht recht der 
archaischen kunst zu entsprechen; und so lange nicht ent- 
schiedne gründe dagegen sprechen, wird man den archaischen - 
typus der Aphr. als in spätrer zeit festgehalten ansehen 
müssen, was sich bei einem griffe als tektonischem gliede sehr 
leicht erklärt. 

Mehr bieten die Vasen, wo er zwar auch den eigent- 
lich archaischen schwarzfigurigen fremd ist, wenigstens er- 
scheint er niemals auf sicher alten gefässen, die wenigen 
fälle wo er vorkömmt sind sämmtlich späterer fabrikation 
verdächtig; so Luynes, descr. 15 lekythos aus „Griechen- 
land:" Eros schwebt, in jeder hand einen kränz, auf ein 
liebespaar zu; teils die grosse flüchtigkeit und doch feste 
typik der Zeichnung, teils das schweben des Eros selbst 
verraten die spätere Verfertigung; ebenfalls nachgeahmt ist 
Bull. d. J. 1867, 226 wo mir Eros jedoch sehr zweifelhaft 
scheint und ich lieber einen Hypnos erkenne , wie Ann. d. 
J. 1833, D und Sächs. ber. 1853, 5—8, Ant. du Bosph. 
63 A, 1. — Nachahmung sind ferner wahrscheinlich: Brit. 
Mus. 925: Eros fliegt einem jünglinge nach; Wien II, 70 
frauen mit Eros sprechend; Berlin 713 allein fliegend, in 
jeder hand ein alabastron — sämmtlich unbedeutende dar- 
stellungen. 

So beginnt das wirken des Eros eigentlich erst mit den 
rot figurigen Vasen und zwar tritt er in den dem 
freien etile vorangehenden bildern zunächst als söhn und 
diener der Aphrodite auf in drei darstellungen des Parisur- 
teils: er ordnet ihr das haar Overb. Gall. 10, 1. ib. 10, 4 
fliegen vier Eroten mit kränzen und zweigen auf sie zu; 
die zahl vier ist nur der Symmetrie wegen gewählt, ver- 



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schiedne namen zu geben sind wir nicht berechtigt, es ist 
vielmehr die unbegrenzte zahl der diener Aphroditens, eine 
Vorstellung, die, wie wir sahen um die mitte des 5. jhh. 
ausgebildet worden sein muss. Gerhard Ant. Bildw. 33 
trägt Aphrodite den kleinen söhn (auf der rückseite ib. 34 
aus künstlerischen gründen gerade doppelt so gross) als at- 
tribut und symbol ihrer macht auf der hand. 

Vor allem wichtig ist Mon. d. J. I, 8: es schweben als 
revers zu Odysseus mit den Sirenen drei Eroten als jünglinge 
gebildet über das meer, von denen der vordere iutpos, 
die beiden andern *a\of genannt sind, sie tragen tänie 
zweig und hasen; hier noch Eros und Pothos zu erkennen 
ist keine berechtigung vorhanden: dass Himeros neben Eros 
gleichbedeutend in alter Zeit gebraucht ward sahen wir aus 
Hesiod, die wähl gerade dieses namens ist hier offenbar der 
sirene Himeropa der Vorderseite zu liebe geschehen , wozu 
kommt dass gerade lutpof den unwiderstehlich verlangenden 
zug nach einem objekte vor äugen bezeichnet, und dies ist 
eben die gewaltige macht die Odysseus zu überwinden hat, 
die in der Sirenengestalt nicht zum vollen ausdruck gelangt 
und deshalb noch einmal symbolisch durch die drei Eroten 
bezeichnet wird. Aehnlich ist Eros verwendet auf der 
schönen schale aus Aegina in München (Jahn entf. der 
Europe t. 7), wo, als erklärung und grund für das innen- 
bild Europe auf dem Zeusstiere, an jeder aussenseite ein 
Eros schwebt, in der 1. die leier, in der r. die schale. Dem 
freien stile sehr nahe, aber in der auffassung ganz hieher 
gehörig ist Mon. d. J. I, 10, 11, denn auch hier wagte es 
der künstler der andeuten wollte, dass Erichthonios geburt 
auf einem liebesverhältnisse beruhe, gleichwol nicht den 
Eros in die handlung selbst einzuflechten , da er noch zu 
sehr gewohnt war, nur den äusserlichen Vorgang der sage 
darzustellen, er gab ihm daher die untergeordnete Stellung 
auf den ranken des Ornaments, dessen gesetzen er sich so- 
fort fügen musste, d. h. es mussten sich je zwei Eroten sym- 
metrisch entsprechen auf beiden seiten (sie sind auch in der 



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Zeichnung strenger gehalten). Ohne solche beziehungen er- 
scheint nun Eros allein ziemlich häufig: er schwebt dahin 
mit tänie (Gerh. Ant. B. 55, 3), er hascht im fluge oder 
laufe den hasen (ib. 56, 1 ; Brit. Mus. 745), dessen erotische 
beziehungen bekannt sind, oder er spielt schwebend die 
leier (Elite 4, 50, Bull. d. J. 1870, 187, 27 leier und schale, 
Neapel R. C. 163 hat er noch ein flötenfutteral) ; das schönste 
ja grossartige produkt dieser art scheint der lekythos Bull, 
d. J. 1867, 231 zu sein, wo Eros, wie in den obigen fallen, 
als langgelockter jüngling gebildet, die leier spielend schwebt, 
den Oberkörper etwas zurückgebogen, gewiss weil er singend 
gedacht ist (cf. Plat. symp. 197 E); ähnliche flügelfiguren wie 
Nike Iris Eos, sind auf diesen lekythen strengren stils häufig und 
sehr passend verwendet. Es ist somit gewiss kein grund vor- 
handen mit Benndorf an stelle des Eros einen geflügelten Apollon 
zu vermuten, weil jenem seine attribute der bogen und köcher 
fehlten. Auch eine blume oder einen zweig hält der schwe- 
bende Eros (Brit. Mus. 830; Mus. Greg. II, 4, 1 und 3); 
er hält reifen und vogel zum spiel und sieht sich nach dem 
epheben des rev. um (Elite 4, 48, ähnlich 49), er spendet 
auf einem altare sich nach dem manne des rev. umsehend 
Berlin 1604 (Vulci, also wohl hieher gehörig) hält Eros 
schwebend in jeder hand eine frucht, auf dem rev. Athene, 
wobei man wol an Athen. 13, 561, d erinnern darf, wonach 
beiden in Athen gemeinsam geopfert ward.*) — Elite 4, 51 
schwebt, mit schild und speer gerüstet ein flügeljüngling und 
sieht sich auffordernd um nach dem epheben des rev. — 
man denkt zunächst an Agon dessen beflügelung jedoch 
nicht überliefert ist; erinnern wir uns dagegen der anschau- 
ung, dassEros mut giebt in der Schlacht, mit dem geliebten 
kühn in den kämpf treibt (Plat. symp. 179) , dass ihm die 
Spartaner und Kreter vor der schlacht opferten, erwägen 
wir endlich die vollkommen analoge bildungsweise mit den 



) Auch auf einem athenischen piombo (Mon. d. J. 8, 32, 91) 
scheinen Eros (mit opferkorb) und Athene gegenübergestellt. 



16 



oben besprochenen sichern Erosvasen, so ist doch ein Eros 
der auffordernd, den durch ihn verbundenen jünglingen und 
männern in den kämpf vorauseilt, das wahrscheinlichste. 

Wie schon hier Eros meist in beziehung zu den ephe- 
ben des reverses gedacht ist , so gesellt er sich auch in 
scenen des gewöhnlichen lebens zu ihnen ; besonders begün- 
stigt, und leitet er jene eignen Verhältnisse der jünglinge 
und männer, jene treuen freundschafts- und liebesbündnisse 
wo geistige und sinnliche demente so eng verknüpft er- 
scheinen, dass unser wort päderastisch etwas zu hart klingt 
(cf. Welcker kl. sehr. 2, 93; Gött. L 2, 725), denn nie- 
mals ist Eros bei scenen gemeineren Charakters. Beim ruhi- 
gen erastengespräche München 504 (unbärtige jünglinge als 
liebhaber auch Arch. z. 1870 , 39); Petersb. 413. — Den 
liebhaber oder die liebesstimmung selbst vertritt Eros Berlin 
1941, Durand 240; ja er verfolgt den epheben Durand 238, 
Campana 11, 94 und Panofka eigenn. mit naXof t. 4, 9 wo 
die gewalt der kommenden leidenschaft durch die peitsche 
in Eros hand kräftig versinnlicht wird; einem eingehüllten 
(cf. Compte r. 1868, 129) erasten bringt Eros einen delphin 
als liebessymbol Gerh. A. V. 65 (cf. Steph. CR. 1864 , 216, 
218) ; einen hasen bringt er zu jünglingen, die (ihm?) opfern 
wollen Mus. Borb. 5, 20. Im iunern einer Münchner schale 
(1101) schreitet Eros auf einen altar (der Aphrodite P) mit 
einem kränze zu, aussen A entsendet ein mann im hause 
Eros mit einem schlauchartigen gerät, darin wol liebesge- 
schenke, (dasselbe des Vergers l'Etr. 39 als reisesack) zu 
dem geliebten jüngling draussen. — B. eilt Eros mit kränz 
auf zwei eifrig flötende und singende jünglinge zu- Begün» 
stigt er hier die musikalischen Studien der jugend , so er- 
scheint er selbst als geistiger mittelpunkt und leiter derselben 
wenn er (Brit. M. 986, ähnlich Durand 654) die leier spielend 
zwischen zwei jünglingen schwebt, von denen der eine eben- 
falls leier spielt (cf. Plat. symp. 196 '£ — ayaSoV — näöav 
noiyGiv xrjv xard /uovotKyv.) — Nicht ganz klar ist Mon. 
d. J. 6, 20, wo der Eros jedoch nicht ganz unverdächtig 



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17 



ist, indem wenigstens ringsherum viel geflickt wurde; sucht 
man jedoch nach einer erklärung so mag man sich erinnern 
an das prineip der Vasen gerade dieses stils, auf der rück- 
seite figuren anzubringen, die gleichsam als folie dienen, 
auf der sich die handlung der Vorderseite abspielt; untätige 
Zuschauer, die gleichwol interesse an dem Vorgang nehmen, 
das volk, der chor den heroen gegenüber. So könnte man 
hier an die Myrmidonen denken, die untätig durch des 
führers zorn, den frieden gemessen, vereint im treuen freund- 
schafts- und liebesbunde durch Eros , vielleicht nicht ohne 
beziehung auf das enge verhältniss des Patroklos zu Achil- 
leus, das ja das motiv werden sollte zur lösung des con- 
flicts der Vorderseite; freilich wäre auch so der Eros und 
der thyrs08 ungeschickt hinzugefügt, indem eben der maier 
den typus ruhig stehender figuren nicht überschreiten wollte. 
— Ueberblicken wir dies erste Stadium der entwicklung 
und fassen zunächst seine erscheinung in's auge: von 
anfang an schwankt Eros bildung zwischen jüngling und 
knabe, je nach den künstlerischen bedingungen der compo- 
sition ; als ausfluss der Aphrodite , als ihr söhn und diener, 
als ndXXtOTOs $«Z>v war jugendblüte für ihn wesentlich. 
Ferner erscheint Eros constant beflügelt*), denn ein 
zweiter wesentlicher zug ist das begriffliche und das dämo- 
nischgewaltige eines gottes der im eignen herzen seinen sitz 
hat, was ihn auf eine Knie stellt mit Eris, Deimos, Phobos, 
die h'öodAo, die alle in dieser zeit beflügelt erscheinen. Unter 
den attributen fallt zunächst die leier auf und weist uns 
auf den musischen charakter des gottes hin , der besonders 
in Thespiae betont ward teils durch die musischen agonen, 
die man zu seinen ehren abhielt, teils durch seine Verbin- 
dung mit den Musen, die man hier neben ihm hauptsächlich 
verehrte. Ueberhaupt waren aber in Eros diejenigen be- 

*) Dass Eros früher ungeflügelt durgestellt worden sei, scheint 
sehr unwahrscheinlich; ich halte daher xai toV "Eqg>tu beim 
schol. ad Arist. ar. 573 für einen willkürlichen zusatz des 
schol., dem die notiz über Nike vorlag. 

Dr. A. Furtwängler, Sroi. 2 



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18 



dingungen vorhanden, die auch dem Apoll und Dionysos 
die leier gaben, nemlich der ekstatische charakter: sehr 
bezeichnend ist es aber für die ältere zeit, die das innere 
wesen, das ethos der götter durch attribute auszudrücken 
und festzustellen liebte , dass sie dem Eros die leier gab, 
während eine spätere zeit die art seiner h and lungen durch 
den bogen symbolisirte. Ja es liegt die Vermutung eines 
gemeinsamen älteren kunsttypus des Eros mit der leier sehr 
nahe, wenn man die gleiche Stellung desselben auf dem re- 
lief Ann. d. J. 1867, D, den Vasen Mon. d.J. 1, 10, Neapel 
1836 und auch dem etruskischen Spiegel D. a. K. 2, 629 
vergleicht: die eine hand mit der leier gesenkt und die 
andre, meist mit einer blumenranke, ausgestreckt, ein typus 
der der ältern kunst vollkommen entspräche. Die übrigen 
attribute: hase, tänie, kränz sind in ihrer Bedeutung klar. 

Ueberall sehen wir eine feste künstlerische gestaltung, 
überall eine ausgeprägte künstlerische Symbolik , durchaus 
unabhängig von der poetischen; nirgends bei den dichtem 
lasen wir, dass er leier spiele, einen kränz oder tänie brin- 
gend herbeifliege, dagegen hat die poesie wieder ihre eigne 
wirkungsvolle Symbolik. So bestätigt sich wieder, dass ge- 
rade die ältere, wachsende kunst sehr selbständig und durch- 
aus nach eignen gesetzen schuf; und in der tat, wie treff- 
lich spricht der leierspielende Eros sein inneres wesen aus, 
und konnte ein einfacheres treffenderes symbol gewählt 
werden für die begünstigung des liebedämons, als dass er 
kränz und tänie, die bekannten gaben der liebenden, selbst 
herbeibringt ? 

Wenig manchfaltig ist noch der gebrauch, den man 
von Eros macht , ja man bildet ihn mit Vorliebe allein , wo 
nur sein eigner charakter zum ausdruck gelangt In mytho- 
logische handlung als psychologisches princip wagt man ihn 
noch gar nicht zu verflechten, auch die künstler der Odys- 
seus- , Europe- und Erichthonios-Vase , die allein einen ver- 
such machen die äusserliche tradition durch ausdruck der 
zu gründe liegenden Seelenstimmung zu motiviren, kamen 



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19 



nicht über die andeutung hinaus und wagen nicht Eros in 
die handlung zu ziehen. Nur als diener der Aphrodite, 
also mythologisch begründet, erscheint er in der handlung. 
Anders ist es mit den liebesscenen aus dem gewöhnlichen 
leben, die wegen ihres nichtindividuellen, allgemein mensch- 
lichen Charakters viel eher dazu auffordern mussten , den 
Eros in psychologischer bedeutung aufzunehmen als die 
durch äus8re tradition fest bestimmten mythen, deren psy- 
chologische Zersetzung einer späteren zeit aufbehalten blieb. 
Sehr interessant sind die manchfaltigen beziehungen, die 
zwischen Eros und den epheben und männern obwalten, 
während er sich mit den frauen noch gar nichts zu schaffen 
macht; es ist offenbar der päderastische Eros, der im gym- 
nasion verelirt ward ; der erste altar des Charmos in Athen 
(und athenisch sind ja die betr. Vasen) war diesem männer- 
Eros geweiht, er muss der populäre gewesen sein; ja eine 
athenische münze (Beule* p. 222) zeigt uns diesen Eros der 
die männer in der palästra zusammenhält und so den sieg 
verleiht, sich selbst den kränz aufsetzend, die siegespalme 
in der L (wozu man den palästrischen Hermes in genau der- 
selben handlung vergl. bei Campana op. in pl. 94). Jetzt 
erklärt sich auch das verhältniss zur poesie, die ja gerade 
in der ersten hälfte des 5. jhh. den gott Eros ignorirt, die 
kunst zeigt uns jenen volkstümlichen Eros des gymnasiums, 
den ein Aeschylus verschmäht , während die kunst der fol- 
genden periode durchaus von jenem neuen, von der jüngern 
tragödie durchgebildeten 6ros bestimmt wird. 



IL Periode der freien kunst 

Erst hier sind uns einige werke literarisch überliefert 
und fest datirbar; vor allen der Eros des Phidias an der 
basis des olympischen Zeus, die Aphrodite empfangend; am 
westlichen giebel des Parthenon ferner war Eros als knabe 
hinter der nackten mutter stehend gebildet, im friese steht 

2* 



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20 

er als mellephebe neben Aphrodite und hält einen Sonnen- 
schirm : in der gedrängten figurenreihe des giebels , wo er 
im hintergrunde erscheint, mochte die knabenbildung passen- 
der sein, hier im nebeneinander des flachreliefs wo auch er 
einen eigenen platz auszufüllen hatte Hess schon die isoke- 
phalie die mellephebenbildung angemessener erscheinen. 
Zwischen Aphrodite undPeitho steht er auch auf dem friese 
des Niketempels in jener erwachseneren gestalt(Ross Schau- 
bert t. 11, A). Ferner hat Michaelis nicht ohne Wahrschein- 
lichkeit auf den beiden Parthenons metopen t. 4, 24 und 25 
dieselbe composition erkannt, wie auf einer unten zu er- 
wähnenden Vase: Aphrodite tritt zwischen Helena und Me- 
nelaos und entsendet den winzig kleinen Eros, der auf letz- 
teren zuschwebt; Aphrodite war in der tradition gegeben, 
Eros dagegen ist hinzugefügt, um die eigenart der macht 
Aphroditens gerade in diesem augenblicke zu zeigen; auch 
hier ist er vor allem aus leicht einzusehenden künstlerischen 
gründen so klein gebildet, aber nicht als menschliches kind, 
sondern ganz seinem hier noch begrifflichen und fast kör- 
perlosen charakter entsprechend. Gewiss ist es keineswegs 
zufall, dass uns von Phidias und seiner schule Eros nur in 
Verbindung mit Aphrodite bekannt ist; auch der Eros des 
Zeuxis (ol. 88) war wenigstens im tempel der Aphrodite.*) 
Ein hauptgegenstand für statuarische einzelwerke der ersten 
künstler wird Eros erst in der zweiten Attischen schule, 
ganz wie wir es in der gleichzeitigen poesie beobachteten 
und wie es der geist der zeit verlangte, der die leidenschaft 
der Wirklichkeit, das pathologische interesse so sehr vor den 
ethisch idealen typen bevorzugte. Eine Würdigung der über- 
lieferten meisterwerke des Praxiteles und Skopas muss einem 
andern orte vorbehalten bleiben ; hier haben wir es zunächst 
mit den Vasen zu tun. Eine anordnung der masse von 

*) Das mosaik aus Olympia das Semper (Stil. I, 62) der phi- 
dia&ischen zeit' zuschreiben möchte, kann derselben unmöglich 
angehören wegen des rein decorativ und ohne hervortretende 
bcdeutung auf dem schwänze eines Triton reitenden Eros. 



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V 

darstellungen, die möglichst vielen gesichtspunkten gerecht 
wird, ist schwierig; eine durchgehende Ordnung etwa nach 
den stilarten im einzelnen ist nicht durchführbar, so sehr 
ich auf sie rücksicht nehmen werde ; ich lege daher folgende 
allgemeinere einteilung zu gründe, nach der wir zuerst die 
fälle betrachten, wo Eros sich zu personen der sage und des 
mythus gesellt. 

1. Eros in mythischen darstellungen, 

Obwol Eros seinem begrifflichen wesen nirgends untreu 
wird, lassen sich doch darstelJungen ausscheiden, wo der 
künstler auch durch die mythische tradition ein gewisses 
äusseres recht hatte Eros hinzuzufügen, im gegensatze zu 
der umfangreicheren zweiten gruppe, wo er lediglich psy- 
chologischen gründen seine anwesenheit verdankt. 

a) Mit der durch die tradition bedingten Aphrodite, 

Anlass den Eros einzuführen musste zuerst da statt 
finden, wo seine mutter Aphrodite durch die sage selbst 
gefordert war, war sie doch in der anschauung unserer zeit 
ohne ihren helfenden und dienenden söhn kaum mehr zu 
denken (cf. Plat. Symp. 180 D). Ich scheide diese gruppe 
mehr aus praktischen gründen aus, indem sie zur folgenden 
keineswegs immer einen gegensatz bildet, wie denn die 
spätem bilder des Parisurteils den Eros ganz in der psycho- 
logischen weise verwenden. 

Voran ist zu nennen Mus. Greg. II, 5. 2 a (Overb. Gall. 
26, 12) eine herrliche Vase , deren original vielleicht , wie 
oben bemerkt, am Parthenon zu suchen ist. Aehnlich scheint 
zu sein Campana ser. 11, 68 (E. mit schale) und Bull. d. 
J. 1871, 155 (wo man die geschmacklosigkeit dass Eros 
dem Menelaos etwas in die äugen giesse nie hätte glauben 



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22 



sollen; cf. Arch. z. 1873, 76). Im Parisurteil vertritt noch 
die ältre mehr andeutende auffassung Gerhard Apul. Vb. D, 1, 
wo Eros, als jüngling gebildet, hinter Aphrodite herbei- 
schwebt (zwischen dem henkel) ; umgekehrt schreitet er ihr 
keck ermunternd voran Ann. d. J. 1833, E. Im spätem 
eigentlich malerischen stil treten, abgesehen von den unbe- 
deutenderen wenig charakteristischen bildern bei Gerhard 
Ap. Vb. 11; 12; 13, besonders zwei auffassungen hervor, 
je nachdem der sieg mehr durch die Schönheit der Aphro- 
dite selbst oder durch ihre liebesversprechungen errungen 
gedacht wird. So schmückt sie sich unter Eros beihilfe 
Overb. Gall. 10 , 2 ; Neapel 3244. Auf der interessanten 
attischen pyxis, wo jede göttin mit einem gespanne auffährt 
(im Rhein. Mus. 1874) hat sie das schönste und wirksamste 
gezogen von zwei Eroten , die kanne und schalen tragen, 
den bezaubernden liebestrunk für Paris. Unmittelbareren bc- 
zug hat es, wenn EPS2Z seine mutter fragt, ob er Paris über- 
reden solle: Compter. 1861, 3. Bull. d. J. 1868, 187 hat sie ihn 
bereits zu Paris gesandt, dann legt er mit süsser Überredung 
die hand auf Paris schulter.*) Noch einen zweiten Eros hält 
Aphrodite zurück, während der andere überredet Overb. 
Gall. 11, 1, wo die Eutychia über Aphrodite zeigt, wie sehr 
hier schon der allgemeine gedanke die darstellung der tradi- 
tion durchsetzt. 

Noch klarer ist dies ib. 10, 5: die idee ist der triumph 
der liebe; ein netz .ist um Paris gesponnen, dem er so 
wenig entrinnen kann als Zeus der hier in Ganymed sich 
verliebt. Es treten Eros,HimorosundPothos inschriftlich 
auf; obwol die drei, wenn auch nicht zusammen, schon in 
alter zeit von der poesie personificirt wurden, so war es 
doch wol erst Skopas, der sie neben einander in der kunst 
zu bilden wagte; dass bei einer solchen nebeneinander- 
stellung alles darauf ankam, ja geradezu alles interesse 

») Compte r. 1863, 1, 1; Arch. z. 1867, 224 (cf. ib. 1870, p.8l) 
wo auch das schöne motiv der Stellung wiederkehrt (vgl. Praxi- 
teles Sauroktonos). 



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23 



allein in einer möglichst feinen Unterscheidung liegen 
konnte, ist an und für sich klar; es entsteht nur die frage, 
ob Skopas und die ihm folgenden künstler dafür in der all- 
gemeinen anschauung eine feste grundlago hatten? Ich 
glaube entschieden ja. In voralexandrinischer periode nem- 
lich unterschied man so: Himeros ist der unwiderstehliche 
zug zu einem objekte vor äugen, Pothos das aufgeregte 
verlangen, die Sehnsucht nach dem fernen gegenstände, Eros 
bleibt obenan (ist vater der übrigen beiPlat. Symp. 197 D), v 
er ist der vor allen tätige und noch am wenigsten begriff- 
liche. Um dies zu beweisen sehen wir uns in der literatur 
um (einiges bei Jahn Ann. d. J. 1857, 129): zunächst spricht 
sich klar in obigem sinne über Himeros und Pothos aus 
Piaton Krat. 419 E, über Himeros Phädr. 251 C (vgl. Pol- 
lux 2, 63 rd d.V avTtov[6y>$a\ßioov] dnoppiov ^itpof); fer- 
ner, gewiss aus guter quelle, schol. ad Hesiod. theog. 201 : 
Eros ist das allgemeine liebende begehren, wenn man etwas 
zuerst sieht, Himeros das verlangen (imbujuia } cf. ad 
theog. 64), wenn man etwas bereits kennt, es nun auch 
sich ganz zu eigen zu machen. Die voralexandrinischen 
dichter unterscheiden regelmässig in der angegebenen weise, 
wo sie überhaupt das wort in significanter art gebrauchen, 
was keineswegs immer der fall sein muss , da ja allen drei 
Wörtern derselbe hauptbegriff zu gründe liegt. Als beispiele 
mögen dienen: nöSof (als begriff) die Sehnsucht nach etwas 
fernem bei Archiloch. fr. 84, denn nur sie kann so schmerz- 
voll sein; Tyrtäus fr. 12, 28; Anakr. fr. 113; Pind. Pyth. 4, 
184; Aesch. Pers. 62, 132, 134, Ag. 414; Soph. Phil. 601, 
0. C. 333, 0. R. 518, Trach. 107, 631, 755 ; Eur. Alk. 1087, 
Phon. 330, Iph. Aul. 431, fr. 318, Hei. 1306 und danach 
Carcin fr. 5, 4 (Nauck p. 621), Menander 4, 158, 1 (Mein.), 
cf. Nonn. 10, 321. Auch noch Meleager (anth. Gr. 1, 11, 19 
und 15,45) unterscheidet bisweilen Pothos, während sonst 
die Alexandriner und die folgezeit trotz des häufigen ge- 
brauchs eine feinere nuancirung durchaus nicht mehr kennen. 
Für tjLiepOf im der bezeichneten bedeutung sind besonders 



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24 

• 

charakteristisch stellen wie Pind. ol. 3, 33 : Herakles sieht die 
bäume und hat Zmpos sie zu verpflanzen, ol. 1, 41 : Posei- 
don sieht und raubt Pelops aus hupot, Aesch. Prom. 685, 
Suppl. 1005; Soph. Ant. 795 der unmittelbares sinnliches 
verlangen erregende reiz, ebenso Arist. Lys. 515 (cf. Luk. 
dial. deor. 20, 15); Eur. Med. 556, dagegen 623 in feiner 
modification. — War dies aber die allgemeine Unterscheid- 
ung, von der Skopas sich gewiss leiten Hess , so dürfen wir 
sie auch auf unserm bilde vermuten, wo derkünstler in der 
tat eine Steigerung beabsichtigt zu haben scheint; freilich 
erlaubten ihm seine mittel nicht dies durch eine charakteri- 
sirung von innen heraus zu tun, wie wir es bei Skopas vor- 
aussetzen müssen, er konnte nur durch die verschiedenartige 
Stellung und handlung seinen zweck erreichen, demnach ist 
Eros der tätige voran und sucht Paris zu überreden ; bald 
aber wird Aphrodite auch Pothos entsenden, der stürmisch 
ihn in die ferne nach Hellas treibt, wo er endlich in Helenas 
armen schwelgend Himeros macht erfahren wird. So er- 
klärt sich einfach die gruppirung und aufeinanderfolge. Nur 
noch eine Vase vereint alle drei dämonen (leider nur be- 
schrieben Bull, d. J. 1836, 122, Jatta 150&,) wo jedoch auch 
die Unterscheidung beabsichtigt scheint : Eros neben Eua der 
allgemeinen personification bakchischen jubels, Pothos neben 
Thyone der vor allen aufgeregt schwärmenden und Himeros 
bei Dionysos selbst als höchste Steigerung. Eros und Hi- 
meros scheinen unterschieden auf der Berliner nebe- Vase 
(s. unten), indem letzterer von Aphrodite für den haupt- 
momcnt rescrvirt wird. Sonst treten sie nur einzeln auf, 
wo zu einer Unterscheidung und charakterisirung natürlich 
nicht so viel grund vorhanden war; doch ist bezeichnend 
dass Pothos fast nur in bakchischen scenen vorkömmt, wo 
er das aufgeregte ziellose verlangen ausdrückt. Dass wir 
jedoch nie berechtigt sind ohne inschrift einen Himeros oder 
Pothos anzunehmen hat schon Jahn (a. a. o.) richtig ge- 
sehen ; denn auch Himeros und Pothos sind nichts andres 
als Eroten und nicht etwa eigentliche personificationen psy- 



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25 



chologischer affecte, denn solche, d. h. menschliche gestalten, 
durchdrungen von den charakteristischen dementen eines 
affects und danach gestaltet, sind auf Vasenbildern kaum je 
mit Sicherheit nachzuweisen, wenn der maier nicht in rich- 
tiger erkenntniss seiner beschränkten mittel eine inschrift 
beigesetzt hat, wozu er dann mitunter auch als beigäbe eine 
innere charakterisirung versucht. 

Doch kehren wir von diesem excurse zurück und ver- 
folgen zunächst das abenteuer des Paris weiter, das ja in 
der sage durchaus von Aphrodite geleitet wird, die meist 
von Eros begleitet wird; so bei Paris und Oinone Millingen 
div. 43 (cf. Brunn Tro. misc. 61) ; auf der schönen schale 
strengeren stils Gerhard Ant. B. 34 ist er gesandt von seiner 
mutter die Helena noch reizender zu machen, kauernd 
schmückt er ihr den fuss während Paris eintritt; auf ihrem 
schoose sitzt er überredend Overb. Gall. 12, 8; zwei Eroten 
leiten und ermuntern Paris als er Helena seine liebe schwört 
auf dem feinen gefässe Compte r. 1861, 5, 1, vielleicht sind 
es Aphrodite und Peitho, die den Vorgang umschliessen. 
Endlich leiten auch die entführung der Helena zwei Eroten, 
einer mit zwei fackeln dem wagen voranschwebend (gewiss 
die brautfackeln ; nach Steph. , da es nacht sei) auf einem 
eben so feinen bilde ib. 5, 3. 

Ferner ist Aphrodite im mythus gegeben und von ihrem 
söhne begleitet beim streit um Adonis: er fleht mit seiner 
mutter vor Zeus, während ein zweiter Eros auf den vornen 
ruhenden Adonis zuschwebt Bull. Nap. n. s. 7, 9. Charak- 
teristisch ist Mon. d. J. 6, 42, wo auch Persephone von 
einem Eros begleitet wird, doch nur um zu zeigen, dass für 
beide die liebe triebfeder ist, ein beweis wie sehr man in 
dieser zeit gewohnt war Eros von der rein psychologischen 
seite zu fassen. 

Endlich ist es häufig ein gewisser mythischer connex, 
der die spätere Vasenmalerei veranlasst Aphrodite nebst ih- 
rem söhne, meist in der obern reihe, der composition beizu- 
fügen; die beziehungen sind dabei nicht immer klar und 



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26 



wäre es daher möglich dass auf einigen der zu nennenden 
bilder auch das streben nach psychologischer motivirung 
vorgewaltet haben mag, wie in der nächsten gruppe. Beim 
streite des Marsyas ist Aphrodite als dessen gönnerin mit 
Eros gegenwärtig Gerh. Ant. B. 27 und Arch. z. 1869, 17 
wo Eros sich spiegelt in der schale der mutter, wie bei die- 
sen bildern öfter solche kleine genrehafte motive für die 
lockere compositum entschädigen sollen. — In der götter- 
versammlung tronen sie in grossen darstellungen Mon. d. J. 
2, 30, 31; Millingen div. 23; Bull. Nap. 1, 3 wo Eros die 
mutter salben will; wenig klar sind die beziehungen Mus. 
Blacas 7 und Rochette mon. in. 45. Auch warum sie bei 
der aussendung des Triptolemos gegenwärtig sind (Compte 
r. 1862, 4 inschriftlich nebst Peitho; Brunn supplem. zu 
Strube taf. II) ist nicht ganz klar; Strube(stud. p. 18) denkt 
an ein liebesverhältniss des Triptolemos zu Demeter, von 
dem jedoch gar keine andeutung in der tradition sich findet, 
man wird daher Aphrodite besser als beschützerin des früh- 
lings und Wachstums fassen, wie ja auch die Hören gegen- 
wärtig sind und hier überhaupt nicht die menschliche son- 
dern die naturseite des Vorgangs betont wird. Endlich mag 
sich noch anschliessen Bull d. J. 1868, 153, 1, wo Aphro- 
dite und Eros über Orpheus Untergang beraten sollen, viel- 
leicht ist nur ein von Asiaten diesen göttern gefeiertes fest 
gemeint ; so sitzt Aphrodite mit Eros unter Asiaten Gerhard 
Apul. Vb. 5. 

An diese gruppe reihen sich nun auch diejenigen bilder, 
die Aphrodite und Eros allein unter sich oder mit wesen 
verwandter art zeigen. Gewöhnlich hat man hieher eine 
grosse zahl von darstellungen gezogen, indem man mit den 
namen Aphrodite und Chariten äusserst freigebig war, wäh- 
rend sich bei kritischer betrachtung ergiebt, dass es nur 
sterbliche menschen sind; ich führe daher nur die fälle an, 
wo mir Aphrodite hinlänglich gesichert erscheint. Dies ist 
zunächst bei der schönen Münchner Vase 805 (Arch. zt. 
1860, 140) der fall, an deren halse Aphrodite in der mitte 



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27 



sitzt und sich von einem Eros kränzen lässt, während zwei 
amdre sich mit einem kränze unterhalten und noch zwei 
alla morra spielen : eine breite darstellung der liebesmächte 
die alles anstiften und lenken was auf dem bauche der Vase 
gemalt ist. Zweifelhafter muss man bei- einer reihe feiner 
gefässc in Attischem etile sein, doch scheint mir Aphrodite 
wahrscheinlich in folgenden fallen : Mus. Borb. 2, 30, 1, wo 
sie in anmutigster weise mit Eros gruppirt ist; Jatta 1393 
steht Aphrodite mit einer taube dem auf einer blume sitzen- 
den Eros gegenüber und Petersb. 1196 steht er mit einem 
Stäbchen vor Aphrodite, hinter der Peitho. Umgeben von 
drei Chariten wird Aphrodite von dem vor ihr kauernden 
Eros am fusse geschmückt Bull. Nap. n. s. 6, 4, 2; letzte- 
res war ein beliebtes motiv vgl. Gerh. Ant. B. 34, Elite 4, 
38, Compte r. 1863, 1, 2, auf gemmen ib. 1861, 6, 6; 1865, 
3, 24. — Stackelberg 27 kann das leben der liebesmächte 
dargestellt sein, Eros kramt in einem kästchen und wird mit 
fruchten bedient, doch befremdet der zuschauende jüngling 
mit seinem mädchen. Als eine ausnähme unter den Vasen- 
bildern ist zu bezeichnen Ber. d. sächs. ges. 1854, 13 und 
Ant. du Bo8ph. 61, 6, denn hier ist Eros ganz von der 
menschlich persönlichen seile als söhn der Aphrodite gefasst, 
er hält ein kinderwägelchen und bittet die mutter um den 
lieblingsvogeL 

Hierher gehören auch zwei bilder die den Eros durch 
die inschrift näher als Himeros bezeichnen: Mus. Blacas 22, 
2, (in noch strengerem stil), es hält IIEIQO ein gefäss un- 
ter das von oben herabfliessende (öl?), vor ihr aber sitzt 
1MEP02l, und hält, wie mir scheint, ebenfalls ein alabastron, 
er wartet bis Peitho gefüllt hat. So individuell der moment 
gefasst ist, so schimmert doch der gedanke durch: süss ein- 
schmeichelnd beredet Peitho zur liebe, dann aber kömmt 
Himeros der Impros macht und das liebende verlangen er- 
weckt. Weniger ist dies der Fall München 234 (Ann. d. J. 
1857, A): Himeros wird geschaukelt von Paidia, ein heitres 
spiel der jugend auf die götter übertragen, die scherz und 
jugendliche anmut vor allen beschützen. 



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28 



Weniger zweifelhaft, aber äusserlicher gefasst zeigt die 
unteritalische maierei die liebesmächte : Dubois-Mais. intr # 
41, 1 wird Aphrodite zu wagen von zwei Eroten gezogen 
(wie Mon. d. J. 4, 15; Gerh. Mystb. 5), ähnlich auf einem 
polychromen vergoldeten gefäss aus Cyrenaica Brit. Mus. 
C. 39, wo jedoch, nach dem gebrauche dieser attischen pro- 
dukte, Aphrodite nackt ist. Staunen ergreift die natur, er- 
greift Pane und Nymphen, wenn Aphrodite in voller Herr- 
lichkeit auf dem schwane durchs meer fährt begleitet von 
Eros (als frühlingsgöttin?) Gerh. Ant. B. 44, einfacher La- 
borde I p. 31, Petersb. 2015. Aphrodite scheint es zu sein 
die, von Eros geleitet, auf einem Viergespanne fährt Neapel 
3417, 2204, 2336 am halse von Vasen, die unten erotische 
scenen zeigen. 

Ein besonderes interesse beanspruchen die bilder atti- 
scher technik mit Vergoldung, deren verfertiger durch in- 
schriften den scenen aus dem frauen- und liebeleben einen 
tieferen gehalt zu verleihen suchen; denn diese inschriften 
gehen nicht auf individualisirung sondern auf Verallgemeine- 
rung aus, wie auch sonst auf Vasen dieser zeit ; so finden 
sich einmal einer gewöhnlichen komosscene die namen Paian 
Neanias Komos beigeschrieben (Arch. z. 1852, 37); gar 
nichts haben diese erscheinungen aber mit jenen kalten ale- 
xandrinischen Personifikationen wie Eniautos Penteteris Me- 
sembria u. a. zu tun, von denen sie Heibig (unters, p. 216) 
abhängig machen will. Doch betrachten wir die einzelnen 
Vasen: Stackelberg 29 steigern sich die begriffe von der 
seite zur mitte: der Kleopatra, (edle abkunft und stand), 
entspricht r. Eudaimonia, glückliche lebensstellung, der Pai- 
dia und Eunomia, einem in zwei hälften aufgelösten gliede, 
scherz und heiterkeit verbunden mit sittlichem masse, ent- 
spricht r. Peitho die liebenswürdig überredende; als kröne 
und mittelpunkt aber Aphrodite mit Eros auf der schulter: 
denn liebe und Schönheit ist die hauptsache, die mit dem 
übrigen vereint, erst das wahre glück des daseins erzeugt. 
Alle diese göttinen des glücks haben aber die gestalt heit- 



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29 

• 

rer mit putz und spiel beschäftigter mädchen. Das gerät, 
mit dem sich Peitho abgibt (Compte r. 1860, 1 und Arch. 
z. 1871, 45 mit geringer modification wiederkehrend), halte 
ich für eine art kohlenbecken für wohlgerüche, der uvponvovs 
Iltßoi (Anth. Gr. 1, 4, 5) wol anstehend und auch bei 
Nike über dem altare 1 leicht erklärlich. *) Zwei repliken 
derselben Vorstellung zeigt Jahn Vas. mit gold. II, 1 u. 2: 
gesundheit(Hygieia), Schönheit (Kaie), sinnlicher genuss (Pan- 
daisia) und der inbegrifF alles glücks Eudaimonia welche 
Eros begleitet, begrüssen und umringen einen jüngling (name 
fragmentirt), der zu ihnen eintritt; gewiss ist die politische 
beziehung die Steph. CR. 1860, 15 dem bilde gibt verkehrt: 
das allgemeine lebensziel das jedem vorschwebt ist darge- 
stellt. Während aber oben wenigstens Eros bei Aphrodite 
und Peitho sich befand, sind es hier lauter begriffe und 
Eros selbst scheint in allgemeiner begrifflicher weise ange- 
gewandt, als glückseligkeit verleihender dämon. Dagegen 
ist er wieder diener Aphroditens auf der schönen lekano 
Bull. Nap. n. s. 2, 6 fcf. CR. 1860, 12), ringsum Klymene 
Pannychis und Eunomia; auch Harmonia als ergänzung der 
Aphrodite (cf. Aesch. suppl. 1042) sitzt als hausfrau gegen- 
über und Eukleia vor ihr. 

b) Psychologisch. 

Wurde schon in den oben besprochenen bildern Eros 
oft überwiegend von der psychologischen seite gefasst, so 
ist dies bei den folgenden ausschliesslich der fall. Es lassen 
sich hier zwei grössere gruppen scheiden, je nachdem nem- 
lich Eros als liebesprincip in jedweder mythologischer Hand- 
lung auftritt, oder er mit bestimmten göttlichen personen 



*) Petersen Pheidias 13;") hält es für eine vogelfalle, doch scheint 
das gerät ganz offen zu sein. Auch er glaubt Eros soll darin 
gefangen werden, ein unmöglicher gedunke. 



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30 



durch Charakterähnlichkeit eine dauernde Verbindung einge- 
gangen hat. 

Innerhalb der ersten gruppe betrachten wir zuerst die 
fälle wo er mit Aphrodite verbunden auftritt, die liebesaben- 
teuer der götter und heroen lenkend, ein freier zusatz des 
künstlers ohne mythische begründung, nur aus bedürfhiss 
nach psychologischer motivirung. Den Übergang bilden zwei 
schöne gefässe noch vormalerischen stils, die noch einen ge- 
wissen mythologischen Charakter bewahren: Laborde 1, 25 
umschliessen Aphrodite und EPS2S die Verfolgung der Amy- 
mone von beiden Seiten, ganz analog Luynes descr. 29 wo 
Dionysos nach einem mädchen hascht, ähnlich Mus. Blacas 
21. Vgl auch Beugnot 46. Hinter Zeus, der Ganymed ver- 
folgt, schwebt Eros her mit schale und kanne während Aphro- 
dite (Peitho?) ihm den kränz reicht, auf einer Vase eben- 
falls vormalerischen stils (Overbeck atl. z. kunstm. 7, 19). 
— Ungleich häufiger im eigentlich malerischen etile : so lei- 
ten sie die entführung Europa's Dubois-Mais. intr. 65; von 
ihnen ist Zeus auch gelenkt wenn er um Jo's liebe wirbt, 
während die eifersüchtige Hera bereits Argos sendet: Elite 
1, 25, eine darstellung des allgemeinen gesammtinhalts der 
sage nicht aber einer einzelnen scene derselben, wie man 
gewöhnlich annimmt; noch bedeutender ist die Jodarstellung 
Mon. d. J. II, 59, 1, wo der allgemeinere gedanke, Zeus 
unter der herrschaft der liebe darzustellen, recht klar wird, 
er zerstört Hera's plane und lässt Argos tödten, bezwungen 
von Aphrodite und den Eroten. Auf Jo will Engelmann 
auch die genauer als bei Laborde II, 4 in der Arch. zt. 
1873, t. 15 publ. Vase beziehen, wo er Argos Jo und Her- 
mes erkennt, die vielen übrigen figuren sollen der raumfül- 
lung wegen gedankenlos hinzugefügt sein. Würden die drei 
genannten personen in einer klaren handlung ein festes cen- 
trum bilden, um das sich das übrige locker gruppirte, könn- 
ten wir allenfalls beistimmen. Dagegen ordnen sich diese 
drei figuren, ohne unter einander in näherer beziehung zu 
stehen, vielmehr einem ganzen unter, dessen Schwerpunkt 1. 



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31 

in der im stuhle sitzenden frau liegt: hierher sind richtung 
und aufmerksamkeit fast sämmtlicher figuren gelenkt, na- 
mentlich erscheint die angebliche Jo durchaus als nebenfigur. 
Eine deutung des seltsamen bildes vermag ich nicht zu ge- 
ben, höchstens kann der kreis näher bezeichnet werden, wo 
eine solche zu suchen ist : ausser Hermes, Pan und den Sa- 
tyrn, die sicher sind, mag man in der frau 1. oben Aphro- 
dite erkennen, einem Eros gebietend; die hauptscene darun- 
ter fasse ich so: der böte ist bereit ein kästchen von der 
frau in empfang zu nehmen; der Eros dazwischen, der ihm 
die tänie heraufreicht, zeigt dass er Hebesgaben — von dem 
mädchen — überbringen soll. Ist es eine braut, noch fern 
vom gemahl? Deutet das übrige, nach dem gedankenkreise 
dieser bildcr, das kommende aphrodisisch-bakchische glück 
an? Zwei jünglinge haben hörner und syrinx als Pane, ist 
das gehörnte Madchen eine Panin? 

Nach gewohnheit der unteritalischen gefässe sitzen 
Aphrodite mit Eros das liebesabenteuer beschützend öfter in 
der obern reihe, so Gerh. trinksch. und gef. 22, 1, wo ich 
trotz Stephani CR. 1863, 96*) die entführung Ganymeds, 
und zwar für Zeus, erkenne ; nicht zu übersehen ist nemlich 
Laborde II suppl. 6: hier reitet ein knabe**) auf einem 
schwane durch die luft, er hält den reifen, der auf Vasen 
für Ganymed charakteristisch ist, vor sich hin, Eros (auf 
dem rev.) eilt mit ausgestrecktem arme ihm entgegen, wie 
um ihn anzutreiben ; nach dem frg. bei Gerhard 1. c. 22, 4 
ist hier gewiss Ganymed anzunehmen; der adler als räuber 
desselben ist bekanntlich den Vasen fremd, eine andre tra- 
dition mag den schwan, das tier der wollust, passender ge- 
funden haben; Poseidon in der obern reihe ist dagegen nur 
als beschützer des Dardanidenhauses gegenwärtig und Her- 
mes wird den schwan mit Ganymed zu Zeus geleiten. — 

*) cf. Overbeck, Zeus p. 518. 

**) Die herausgeber der Elite (4, 54 der avers wiederholt) sahen 
die flügel des schwans für die eines Eros an, dem Anteros 
entgegeneile 1 



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Ferner sitzen Aphrodite und Eros über einer mythologischen 
entführungsscene (vielleicht der Persephone?) Bull. d. J. 
1871, 157,4; über Europa, der der stier sich naht (Overb. atlas 
zur kunstm. 6, 12), über Dionysos und Ariadne (Neapel 
2375), über Perseus der Andromeda befreit (Neap. S. A. 
708; Mon. d. J. 9, 38) und über Theseus und der Antiope 
kämpf als andeutung der kommenden liebe (?, Mon. d. J. 
2, 13). Ein feines aber schwieriges bild ist Minervini mon. 
di Barone 18: der deutlich charakterisirte Herakles nemlich 
ruht aus, im begriffe sich die flügelschuhe auszuziehen, er 
sieht auf zu einem- demütig dankenden oder bittenden mäd- 
chen, r. Hermes, L Pan, oben Aphrodite und Eros der mit 
tänie herabeilen will, r. Athene. Die apotheose Minervinis 
macht schon Pan unmöglich. Ich kann mir die scene nur 
als eine freie Umbildung einer Heraklessage nach analogie 
des Perseus mit Andromeda denken: auch Herakles hat die 
flügelschuhe von Hermes empfangen, zur befreiung der He- 
sione, und wie es Perseus ziel ist Andromeda zu gewinnen 
(cf. Eur. fr. 126), so wird auch hier eine Umbildung ins 
erotische vorgenommen: Hesione kann keine lust haben zu 
dem grausamen vater zurückzukehren : sie bittet hier Herak- 
les, sie mitzunehmen und wird darin von Hermes unter- 
stüzt, schon eilt Eros herbei, beide in liebe zu vereinen; 
dass die rosse der eigentliche preis sind, wird vollständig ig- 
norirt; ebenso musste Telamon wegbleiben, der sonst He- 
ß ione heimführte. Ein solches freies verhältniss der Vasen- 
maler gerade dieser periode zur überlieferten sage, die vor 
allem in erotischem sinne umgebildet wird, dürfte überhaupt 
öfter nachweisbar sein als man gewöhnlich annimmt, sobald 
man nur den künstlerischen motiven gehörig rechnung trägt. 

Auch Pelops wagniss lenken die liebesmächte , oben 
(Mon. d. J. 5, 22) oder unten sitzend (Ann. d. J. 1840 N); 
sie stehen hinter Pelops Ann. 1851, QR, denn er wird von 
liebe getrieben ; aber es ist auch eine rachetat, räche an dem 
wilden Verbrecher Oenomaos durch Myrtilos, darum steht 
hinter letzterem eine Erinys als andeutung der nahenden 



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Vergeltung und des Verderbens. Verwandt ist Gerhard Apul. 
Vb. 6: r. von Aktaions tod stehen Eros und Aphrodite, 1. 
Artemis einer Erinys*) gebietend, dort der trieb zur tat, 
hier die strafe, die räche der verletzten gottheit. Auch der 
raub des Chrysippos wird von Aphrodite und ihren söhnen 
geleitet (Overb. Gall. 1, 2), nicht minder der liebeskampf 
des Peleus und der Thetis Overb. Gall. 7, 8; 8, 5; 8, 1 
auch Peitho und Pan; Compte r. 1869, 4,3, leider frg., war 
Aphrodite vielleicht auch anwesend, Eros schwebt auf The- 
tis köpf zu, wie um sie zu schmücken. Auf Peleus schwebt 
er zu als helfende macht auf der schönen Vase bei Salz- 
mann necrop. de Camirus, während dahinter Aphrodite sitzt 
und bei ihr Peitho. Als psychologisches motiv des kampfes 
scheinen sie auch bei Herakles und Acheloos gegenwärtig 
zu sein (Jatta 1097 § 3 wenn richtig gedeutet.) Gerhard 
Apul. Vb. 15 führt Eros den Herakles zur Hebe, Himeros 
(inschr.) wartet noch bei Aphrodite. Brit. Mus. 1440 fährt 
Nike den aptheosirten Herakles, Eros führt die pferde; noch 
deutlicher Bull. Nap. n. s. 3, 14, wo Silen vorangeht , Aphro- 
dite und Eros ihn erwarten: das wahre glück besteht in 
aphrodisisch dionysischem genusse. 

Den schluss mögen zwei besonders interessante bilder 
machen : .Michaelis Thamyris und Sappho (vgl. Jatta 1538 
p. 847); die deutung von Michaelis ist unbefriedigend und 
basirt dazu nur auf der willkürlichen ergänzung einer in- 
schrift; denn dass die buchstaben XAO y denen andre sowol 
vor als nachgefolgt sein können, noch gar manche ergänzung 
zulassen ist gewiss. Suchen wir daher aus den motiven der 
coniposition selbst eine deutung zu gewinnen: die drei eng- 
verbundenen frauen gehören offenbar zusammen als aphro- 
disischer dreiverein: unten Aphrodite, dann etwa Peitho und 
Paregoros, einer der drei Eroten weist auf Thamyris, Aphro- 
dite lauscht der musik. Thamyris singt in schwungvoller 

*) Die benennungen, die Körte (personif. psychol. affecte) vor- 
schlägt, scheinen mir noch nicht hinlänglich gesichert. 
Dr. A. Furtwängler, Eros. 3 



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34 

■ 

begeisterung , siegesgewiss wendet er sein haupt zu den 
Musen ; es kann kein zweifei sein , dass die aphrodisischen 
mächte hier wie in den obigen fällen als psychologisches 
motiv der handlung des helden fungiren, also sagen wir: 
von liebe inspirirt singt Thamyris; dazu stimmt vortrefflich 
der kränz, den er im gürtel trägt (nicht gestickt!), dessen 
hochzeitlich erotische bedeutung überall wo er vorkömmt 
klar ist*). Die einfachste erklärung der so erkannten tat- 
sache bietet aber offenbar die sage, nach der Thamyris aus 
liebendem verlangen zu den Musen sich zu einem Wettstreite 
mit denselben herbeigelassen habe. Die Musen hat Micha- 
elis richtig erkannt; dass sie aber dem Thamyris freundlich 
seien finde ich durchaus nicht ausgedrückt: die eine mit 
dem perlenhalsband kann dies sehr wol für sich betrachten 
und anlegen wollen , besonders da sie fast allein keines am 
halse trägt (vgl. die Paida D. a. k. 2, 206); die zunächst L 
unten sitzende lauscht zwar aufmerksam, aber zurückhaltende 
beobachtende kälte liegt unverkennbar in ihrer haltung ; auch 
die bewegung der r. sitzenden ist die einer kritisch-sinnen- 
den, nicht entzückten; dass endlich Apoll sich abwendet und 
mit einer Muse ernst spricht kann doch nur als zeichen seiner 
kälte und abneigung gefasst werden; wir erraten den gegen- 
ständ des gesprächs, und wer den ausgang der sage kannte, 
der wusste , dass verderben dem schönen sänger naht — 
und daran ist seine liebesbegierde schuld. 

Diese verderbliche macht der Aphrodite und des Eros, 
die wir besonders bei Euripides betont fanden (z. b. Hipp. 
542) tritt noch klarer hervor in der Meleager-Vase Arch. 
z. 1867, 220, hier ist dem Eros beigeschrieben 
d. h. es ist die liebe die hier zerstörend wirkt gleich dem 
pSoVo* $twv gegen das junge leben Meleagers, denn seine 
liebe zur Atalante bringt ihm ja den tod : die sceno ist eine 



*) so bei den Dioskuren der Meidias - Vase, dem Pelops Mon. 
d. J. 8, 3 und Kadmos 8. unten, auch bei Paris Overb. Gall. 
11, 1 ; cf. Ann. d. J. 1864, 366, 91. 



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vorgeschrittenere , aber der gedanke derselbe wie auf der 
Thamyris-Vase. Der bogen und die pfeile die Aphrodite 
hält sind die ihr eignen geschosse, wie bei Eurip. , die sie 
dem Eros zur ausübung überlassen kann, nicht aber als ob 
sie dieselben dem Eros aus mitleid weggenommen hätte. 
Einen früheren moment derselben sage zeigt eine andere 
Vase (beschr. und richtig gedeutet bei Körte person. psych, 
äff. p. 56), wo Meleager der Atalante das feil übergibt, 
welche tat durch Eros und Aphrodite als aus liebe geschehen 
bezeichnet wird. 

Auch ohne Aphrodite wird Eros häufig allein in die 
liebesabenteuer der götter verflochten: so bei der Europe, 
indem er entweder den stier bekränzt (Passeri 6, Millingen 
div. 25) oder ihn niederdrückt (Jahn entf. d. Eur. 1, cf. 
Nonnus 1, 79), oder er schwebt geleitend dem zuge durch's 
meer voran (Gerh. Apul. Vb. 7; Overbeck, atlas zur 
kunstm. 6, 16), ja drei Eroten empfangen und geleiten die 
ankommende in lebendiger handlung Compte r. 1866, 3. 
Ueber Jo giesst Eros Schönheit (Elite 1, 26) aus, und auf 
einer späten polychromen Vase ermuntert er Danae den 
regen zu empfangen (Brit. Museum C. 38); über Hades 
wagen der Kora entführt schwebt er Millingen a. m. I, 16, 
von seiner stelle versetzt Mon. d. I. 6,42. Auch zwischen Amy- 
mone und Poseidon steht er ermunternd (Amalthea II, t. 4). 
Besonders häufig weilt er bei dem liebesbündniss des Dio- 
nysos und der Ariadne: er beschützt und beobachtet die in 
liebe vereinten*), ihre brautfahrt umgeben locker zwei 
Eroten (Compte r. 1863, 5, 2) ; häufig kränzt er eines von 
beiden oder schwebt sonst um sie, immer als ausdruck ihrer 
liebesstimmung. **) Das bedeutendste raonument dieser reihe 

*) Millingen uned. mon. 1, 26; Bull. Nap. 3, 1, 3 fein, ähnlich 
Petersb. 1922. 

♦*) Laborde 1, 56 (cf. Steph. CR. 1862, 147); Neapel 3225, 936 
2847, 8. A 25; Petersb. 2021; Rossi vasi Blacas 21 p. 59; 
Brit. mus. C 3; Compte r. 1860, 2, 1; Miliin v. p. 1, 37 
(wo auch Herakles); Brit. Mus. C 9 (überredend), C 20 auf 

3* 



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ist jedoch die Vase von S. Martino (Gerh. Ant. B. 59). 
Gewiss richtig hat Klügmann die xp^V fiXotiyXy für 
Aphrodite erklärt (Arch. z. 1863, 46); die hauptseh wierigkeit 
liegt aber in dem mädchen in der mitte mit dem zierlich 
verschämten gestus (cf. Ann. d. J. 1862, 259); auch ich 
wage nur eine Vermutung darüber auszusprechen : es scheint 
mir nemlich klar, dass jenes mädchen eine herankommende 
für Dionysos bestimmte geliebte sei, er wird auf sie hinge- 
wiesen von einem überredend angeschmiegten mädchen, das 
wir wol Peitho nennen dürfen ; die ankommende ist auf 
einem (vom hügel verdeckten) wagen angekommen, der mit 
rehen bespannt ist und von einem Eros gelenkt wird: 
EPOZ KAAOZ (die rehe erkannte Stephani CR. 1863, 
217, der jedoch Dionysos wagen annimmt, was nicht zu der 
Stellung passt); wer könnte aber jenes mädchen eher sein 
als Ariadne, deren Wiedervereinigung mit Dionysos alljähr- 
lich mit der bessern jahreszeit gefeiert wurde (cf. Preller 
Gr. myth. I 2 , 532)*); dass bei diesem Wiederaufleben der 
natur Aphrodite und ihre Chariten (die beiden mädchen 
neben ihr) keine geringe rolle spielen , ist bekannt ; aber 
auch Eros, der zwischen Dionysos und Ariadne, schnürt sich 
die stiefel, d. h. offenbar, es beginnt eine neue periode der 
Wirksamkeit auch für ihn, für die er sich rüstet; um seinen 
Zusammenhang mit Dionysos zu bezeichnen trägt auch 
er die dionysische tänie (wie auch berauschte jünglinge und 
männer, z. B. Arch. z. 1852, 37; Mon. d. J. 2, 12). Ge- 
wiss beabsichtigt ist auch hier der so beliebte gegensatz 
zwischen dem naturgewaltigen Dionysos und dem in reiner 
hohheit tronenden Apoll auf dem revers. 

Aber auch Apoll muss manchmal dem Eros weichen. 
Neapel 3224 spielt er unter Musen und Eroten die leier, 

Ariadnes arm sie schmückend, Neapel 2008 Schönheit über sie 
ausgiessend. 

*) Wenn Stephanie lesung der inschrift bei Dionysos als <pkav 
der strotzende sicher wäre, so diente sie nur zur bestätigung 
meiner deutung. 



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37 

darüber hin fährt Aphrodite von zwei Eroten gezogen; ib. 
2541 singt er ebenfalls von Eros bezwungen ; dass aber 
auch die dem Apoll nahestehenden spröden Amazonen von 
Eros entzündet werden können, lehrt der revers; im innen- 
bilde zwei Eroten in blumengewinden ! — 

Nicht minder fügte man Eros in die liebesabenteuer der 
heroen ein, und zwar bald mehr persönlich tätig, wie wenn 
er das verfolgte mädchen aufzuhalten sucht (Compte r. 1868, 
4, 1), oder (Ant. du Bosph. 53) wenn einer des kentauren 
liebesbrunst anstachelt, und ein zweiter, wie so oft mit aus- 
gebreiteten armen auf Deianira zuschwebt, entweder um sie 
fester in des kentauren arme zu treiben, oder um sie zu 
schmücken, indem, wie öfter ein kränz oder dgl. fehlt*); 
jedenfalls ist es ganz verkehrt hier mit Stephani an ein 
segnen und an einen unterschied der Eroten wie bei Eur- 
Iph. Aul, 546 zu denken. — Dem niedergeworfnen ken- 
tauren scheint er ein tuch für seine wunden bringen zu 
wollen (?) Compte r. 1865, 4, 1. Ermunternd steht er neben 
dem liebespaare Meleager und Atalante Bull. Nap. n. s. 5, 
1 (cf. Steph. CR. 1867, 86). Eine ausnähme unter den Vasen 
ist Tischbein 3, 39, wo Eros knieend neben einer säule 
einen pfeil abschiesst auf Stheneboia, die sich mit Bellero- 
phon unterhält; auffallend ähnlich, nur wahrscheinlich nicht 
mythisch ist Petersb. 1181 („verfall.") 

Häufiger ist er in mehr symbolisch begrifflicher weise 
verwendet, so schwebt er herbei auf Hippodamia (Neapel 
3227), auf Perseus der das ungetüm bekämpft (ib. 3225), 
natürlich immer um das psychologische motiv der handlung 
zu bezeichnen. In demselben sinne fliegt er über oder vor 
dem wagen des Pelops (Gerb. ges. abh. t. 3; Alon. d. J. 2, 
32, 2) und sitzt hinter Medea (Mon d. J. 5, 12); er schwebt 
zwischen dem etwas zögernd verlegenen paare auf Herak- 
les zu nach der Omphale sich umschauend (öerh. ApuL 

*) vgl. Compte r. 1869, 4, 3; Ant. du Bosph. 52; Heydemunn 
gr. Vb. p. 11, und die fälle wo er vor den füssen kauert 
und sonst z. b. Brit. Mus. C 1. C 20. 



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38 



Vb. 14). Nach der bekannten version , dass Herakles die 
Hesperidenäpfel durch liebe errungen, steht (Brit. Mus. C 1) 
Eros vor dem bäume, wie um Herakles zu schmücken. 
Auch sonst ist Eros genösse der schönen Hesperiden (Hanear- 
ville 3, 123; Bull. Nap. n. s. 5, 13). Vielleicht sind eben- 
falls als schönheitverleihende dämonen die beiden Eroten zu 
fassen, die bereit sind, den todten Hektor, der eben heran- 
getragen wird, entstellt zum entsetzen seines vaters, zu 
schmücken und wieder schön zu machen (Overb. Gall. 20, 4), 
wenigstens ist die annähme von „todes-Eroten a entschieden 
abzuweisen. 

Besonderes interesse bietet die schöne Kadmos-Vase, 
wo Eros den fuss der Thebe schmücken will (Welcker A. 
D. 3, 23, 1); denn die ganze darstellung der tat des Kad- 
mos hat hier manches eigentümliche; die hydria die in der 
sage eine rolle spielt und sonst immer da ist, fehlt, dagegen 
sitzt Harmonia, wie schon zu Kadmos gehörig, hinter ihm 
ihn ermunternd; er selbst ist mit dem hochzeitlichen kränze 
im gürtel geschmückt und kämpft mit dem Schwerte , nicht 
mit dem stein, wie in der sage und allen sicheren kunst- 
darstellungen (vgl. die Zusammenstellung Arch. z. 1871, 35; 
Compte r. 1860, 5 ist nicht Kadmos) — kurz alles weist 
auch hier auf eine selbständige Umbildung des überlieferten 
und zwar in erotischem sinne hin: es gilt die glänzende 
heldentat des Kadmos zu feiern, der von liebe getrieben, 
um Harmonia ganz zu erwerben und dann Theben zu grün- 
den, unter Athena's beistand den verderblichen drachen 
tödtet; und Eros bekränzt Thebe, denn eine liebestat hat 
sie gegründet. So stellt sich unser bild auch dem gedan- 
keninhalt nach als würdiges gegenstück zu dem grossen 
Parisurteile heraus. 

Zweifelhaft endlich sind Millingen div. 41 (Neapel 2900), 
wo eine um unglückliche liebe trauernde königin gemeint 
scheint (Phädra?) und Mon. d. J. 1854, 16 wo der herab- 
fliegende Eros den grund der trauer der frau anzeigt (ob 
Phädra? cf. Arch. z. 1871, 159). 



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39 



Wenden wir uns nun zur zweiten gruppe, so wurde das 
innere wesen des Eros grund zur dauernden Verknüpfung 
mit Dionysos und seinem kreise. — Aphrodite scheint 
schon früh ein näheres verhältniss zu Dionysos gehabt zu 
haben, das auch im kult anerkannt ward. *) Nirgends wird 
aber berichtet, dass auch Eros mit Dionysos irgend welche 
religiöse Verbindung gehabt habe, was auch durchaus un- 
wahrscheinlich wäre; vielmehr ist diese Verknüpfung der 
poesie und vor allem der kunst zu danken; denn die litera- 
rischen Zeugnisse sind verhältnissmässig selten und Ana- 
kreon fr. 2 steht vereinzelt da, Eur. Bakch. 412 erscheint 
Pothos den mänaden freundlich, aber erst die spätere zeit er- 
wähnt das verhältniss öfter (z. B. Anth. Gr. 1, 18, 57; 2, 
26, 73; 3, 104, 23; Nonnos nennt 43, 421 und 48, 178 Eros 
dem Dionysos yvoorör, 5, 43, 437 und 47, 424 gar KaGiyvytos). 
Daraus darf aber nicht auf die kunst geschlossen werden, 
wird uns doch z. b. die Verbindung des greifs mit Apollo 
erst durch die spätesten römischen autoren bezeugt, während 
sie der kunst schon im 5. jahrh. geläufig war (s. Stephani 
CR. 1864, 90). Und in der tat ist uns bezeugt, dass schon 
Mys in den 90er ol. Amoren und Silene im Dionysostempel 
zu Rhodos cisellirt, und wahrscheinlich in dieselbe zeit fällt 
Thymilos' gruppe des Eros und Dionysos. Während die 
poesie sich meist begnügen konnte den zu gründe liegenden 
gedanken, den engen Zusammenhang von wein und liebe in 
begrifflicher fassung vorzutragen (wofür viele stellen bekannt) 
musste die kunst den persönlichen ausdruck dafür suchen, 
dass dies aber nicht vor ende des 5. jhh. geschah zeigen 
unsre Vasenbilder, die sämmtlich dem ganz freien ma- 
lerischen stil angehören, wie denn auch die oben erwähn- 
ten kunstwerke eben dieser zeit angehören. Damit stimmt 
aber der entwicklungsgang der kunst überein; denn erst 
in einer zeit, wo man allgemeinere gedanken auch ohne 



*) geraoin«araor tempel in Bura Paus. 7, 25, 5; sonstige stellen 
sammeln Stephani CR. 1861, 56 und Jahn Vas. mit goldsehm. 
a. 106, wozu man aus älterer zeit noch füge Solon fr. 26. 



40 



die festen vorarbeiten der tradition in die kunst einzuführen 
wagte, erst als man das psychologische wesen der götter 
vertiefte und auch in der kunst vor allem nach ausdruck 
der bewegenden leidenschaften, suchte und dabei dem kreise 
des Dionysos besondere Sorgfalt zuwandte , erst da 
konnte Eros zum ständigen genossen des Dionysos werden. 

Voran ist zu nennen Compte r. 1868, 1, 3, wo die spin- 
nende Aphrodite mit einem Eros dem Dionysos gegenüber 
sitzt, der einem zweiten Eros zusieht wie er eine gans hascht ; 
man wird erinnert an Nonnos 31, 266 wo Dionysos in mitte 
des Olymps sitzt, Aphrodite und Eros daneben. Sonst ist 
es immer Eros allein, der als treuer b egleiter und diener 
des Dionysos in folgenden bildern erscheint: er giesst ihm 
den kantharus voll (Tischbein 3, 46); Miliin v. p. 2, 16 
nahen sich feierlich Eros und ein Satyr als die zwei haupt- 
elemente und diener des gottes, mit opfergaben; er eilt 
seinem wagen voran *) , er schwebt auf ihn zu in festlichem 
aufzug**); er unterhält sich mit ihm auf seiner kline, lehnt 
sich traulich an sein knie oder steht ihm ruhig gegen- 
über***). Besonders gesellt er sich zu seinem freunde, wenn 
er sich musik machen lässt (Hancarv. 3, 62; Arch. z. 1855, 
84); auf der berühmten theatervase Mon. d. J. 3, 31 reicht 
IMEPOJZ, auf Dionysos kline ruhend , der Muse des thea- 
ters eine tänie, d. h. die erotische ekstase ist grundlage der 
dramatischen poesie, es genügt unserm bilde die dionysische 
inspiration des dramas im alten glauben nicht mehr und die 
des Himeros wird zu hülfe genommen. 

Ueberhaupt aber fehlt Eros nicht leicht, wenn Dionysos 



*) Tischbein 3, 21, wo Steph. CK. 1861, 60 mit recht Dionysos 

statt des Hermaphroditen vermutet. 
**) Berlin 1015, ähnlich Mus. Borb. 8 27 wo jedoch Pan. 
***) Passen 219; Miliin v. p. 1, 42; Jahn Vasenb 1; Compte r. 
1869, 4, 11; Miliin v. p. 1, 69; Brit. mus. 1344; Carapana 
ser. 4, 242; Neapel 824 Eros mit bogen, auf dem revers 
Dionysos. 



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41 



feierlich ruhig in mitte seines hofstaats lagert : Miliin v. p. 
1, 67; Miliigen div. 24; Gerhard Apul. Vb. 3; Inghirami 
gall. Om. 2, 175; Petersb. 2017; Berlin 1093; Heydemann 
gr. Vb. p. 3 aus Athen : Eros Dionysos und Ariadne sitzen 
von satyrn bedient ; auch cab. Pourtales 17 ist Eros genösse 
des Dionysos und hascht nach einem schwan (über dessen 
Verbindung mit Eros Stephani CR. 1863, 74; 1864, 203). 
Ann. d. J. 1866, CD steht zu jeder seite des Dionysos ein 
kleiner Eros, einer mit lyra , wie ja besonders die höhere 
musische seite ein band zwischen Eros und Dionysos bildet. 
Schon erwähnt ward Bull. d. J. 1836, 122, Jatta 1508, wo 
Eros und Pothos zu den Vertreterinnen bakchischer lust, 
Himeros zu Dionysos sich gesellt, wie Gerhard Ant. B. 17, 
wo er Dionysos bekränzt, der von den Hören fruchte erhält *) ; 
Eros selbst pflückt früchte für Dionysos Ant. du Bosph. 63,2. 
Aber schon in frühster jugend ist er sein freund , so wenig- 
stens fasse ich Ann. d.J. 1865, E (verfall) wo er dem kleinen 
Dionysos , der von einer nymphe gesäugt wird , einen vogel 
zum spiele herbeibringt, während r. der Überbringer des 
kindes Hermes steht (cf. Inghir. v. f. 194). 

Aber auch ohne dass Dionysos selbst gegenwärtig wäre 
beteiligt sich Eros am bakchischen kreise, indem er ruhig unter 
den thiasoten weilt**) oder gar selbst als mittelpunkt die stelle 
des Dionysos vertritt***); er naht sich einer mänade zum 
spiel mit einer ente (Moses vas. Englef. 38, verwandt Peters- 
burg 1081), tanzend sind sich Eros und mänade gegenüber- 
gestellt Gerh. Apul. Vb, ß. 6 und 7. Auch mit Silenen und 
Satyrn spielt Eros; oft reiten Dionysos als kind und satyr- 
knaben auf den schultern andrer, wenn auch nicht auf 
Vasen (cf. Steph. CR. 1861, 24), ein solcher bakchischer 
mutwille ist es denn auch, wenn (Miliin v. p. 1, 20) zwei 

•) cf. Nonnus 19, 259 Eros den Dionysos bei einem feste be- 
kränzend. 

**) Labordel, 5; Miliin v. p. 1,28; Berlin 1008 ; Brit. Mus. 1319; 

3 Eroten Ann. d. J. 18(>4, H wo unten Dion. 
***) Bull. Nap. n. s. 3, 3; Petersb. 426 hals B. 



42 



Eroten mit bogen und fackel auf Silenopappen reiten oder 
wenn er auf Silens schultern flötend einen zug anführt (Du- 
bois-Mais. intr. 40; Neapel 2579)*). Anmutig ist Neapel 
8. A. 223, wo er wieder das musikalische treiben des Satyrs 
begünstigt. 

Seine eigentlichste tätigkeit entfaltet Eros aber erst 
als aufreger und aufstürmer bakchischer lust; hier wird 
klar, dass es das gemeinsame ekstatisch begeisterte wesen 
ist, das Eros und Dionysos so nahe verband ; hier dient Eros 
als psychologisches motiv der wütenden begeisterung, des 
Verlangens ohne ziel und grenze, treffend ist ihm daher 
einigemale näS-ot beigeschrieben. Die bestätigung dieser 
auffassung bietet der umstand, dass Eros nur die edlere 
ekstase der mänaden und des Dionysos lenkt, nicht etwa 
das gemeine sinnliche verlangen der satyrn,**) wie denn über- 
haupt Eros auch in der spätem zeit nie mit diesen halb- 
tierischen elementen des bakchischen kreises etwas zu tun 
hat; denn wenn er, wie später so häufig, mit kentauren ver- 
bunden wird, so ist dies eben die bezwingung dieser rohen 
naturwesen. Doch betrachten wir unsere Vasen: Eros regt 
noch ruhige mänaden auf***), er flötet zum wilden tanzef), er 
schlägt das tympanon im thiasos (Jahn Vasenb. 2 Pothos ; 
Brit. Mus. C 12); besonders lebendig und schön ist eine 
mehrfach erhaltne composition, wo Eros tympanon schlagend 
der rasenden mänade voranstürmt (Tischbein 3, 24 n. 25; 
Moses vas. Englef. 26; Elite 4, 61); ja errichtet die gestürzte 
wieder auf und inspirirt sie von neuem (Bull. Nap. n. s. 4, 
3), er eilt dem thiasos voran (Petersb. 2076). Vorzüglich 

*) Hin Kros ringt mit einem satyr um einen kränz P.isseri 155 (?) 
**) Nur ganz selten beschützt oder facht er die lust der satyrn 
zu den nymphen an, so Miliin y. p. 1, 52; Neapel 961 u. 963 
verlall; Ant. du Bosph 56, 1 ist die bedeutung zweifelhaft. 
***) Miliin v. p. 2, 48; Laborde 1, 80; Petersb. 2019, 2167; 
Neapel 8. A. 308. 
f) Tischbein 2, 44 inschrift Pothos ; Mus. Blacas 22, 1 ; Neapel 
918; Brit. Mus. C 2. 



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43 



ist der revers der berühmten Vase Mon. d. J. 3, 31 : Dio- 
nysos mit der lcier eilt Ariadne umarmend dahin, hinter 
beiden schwebt Eros epheubekränzt die cymbeln schlagend; 
aber noch weiter geht Compte r. 1869, 4, 9: in stürmender 
eile rast Eros voran und fasst Dionysos der ihm keuchend 
kaum mehr nachkömmt unter der achsel, ihn fort in den 
Strudel reissend*). 

Wie verwandt die meergcschöpfe dem bakchischen kreise 
sind, ist bekannt ; gern hebt man daher das sehnsüchtig ero- 
tische wesen besonders der -Nereiden dadurch hervor dass 
- Eros sie leitet; diese Vorstellung finden wir schon auf eini- 
gen spätem Vasen (Compte r. 1863 titelvig., Overb. Gall. 
18, 8; Ant. du Bosph. 61, 4?). Nur uneigentlich gehört hie- 
her Bull. Nap. n. s. 2, 2, 1, wo einer gewöhnlichen frauen- 
scene Nereidennamen beigeschrieben sind, KPOH fliegt mit 
kränz auf eine zu, als allgemeiner beschützer der frauen- 
schönheit. 

Oefter geleitet auf unteritalischen bildern eine vom Eros 
kaum unterschiedene figur die lichtgötter (Ann. d. J. 
1864, ST; Neapel 2576; Gerhard ak. abh. 6, 1; 7, 1 mit 
Strahlenkranz); ob hier noch an Eros zu denken ist, der, 
etwa als schönster der götter, das strahlende tageslicht lei- 
tet, oder ob es eine eigentliche personification des Phospho- 
ros ist, bleibt ungewiss ; vielleicht ist das wahre in einer 
vom künstler selbst nicht klar gedachten mitte. — Charak- 
terisirt sind Phosphoros und Hesperos nur Inghirami v. 
f. 52. 

Ueberall in den besprochenen monumenten ist Eros in 
die verschiedensten sagen und mit mythologischen wesen 

*) Zweifelhaft doch wahrscheinlich bokchisch ist Compte r. 1866, 
5, 4, wo zwei Eroton einen aufgeregten stier, auf dem ein 
mädchen, leiten und treiben. Ueber Mon. d. J. 4, 43 vgl. 
Steph. CR. 1865, 59 wonach Eros auch uufgeregt bakchisch, 
doch s. Heibig unters, p. 175. Eros schlägt auch bei gelagen 
der sterblichen das tympanon in demselben sinne als aufreger 
(Hancarvi'le 4, 52 ; Miliin 2, 58). 



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44 



verknüpft; auf seine eigne göttliche person bezieht sich 
nichts*); eigne mythen hat er nicht, da Eros und Psyche der 
Vasenmalerei noch fremd sind. Diesen mangel an Handlun- 
gen, die sich auf das wesen und leben des Eros selbst be- 
zögen, suchten einige späte maier durch eigne erfindung zu 
ersetzen: Neapel 3218 B oben findet sich eine feierliche aus- 
sendung des gottes Eros : er steht auf dem Viergespann, 
Zeus reicht ihm die schale zum abschied in aller form, 
Hermes führt den wagen und Pan eilt voran. Auch ib. 
3252 (rel. am halse) fahrt Eros von Hermes geleitet übers 
meer. Passeri 287 fliegt Nike dem Viergespann voran, wäh- 
rend sich hinter Eros schon die Wirkung zeigt: ein mann ver- 
folgt und urnfasst eine frau. Den triumphzug der Eroten 
durch die weit stellt ferner Neapel 3377 dar, cf. ib. 2022, 
R. C. 94. Alle diese bilder gehören der spätem unteritali- 
schen periode an, die ja auch sonst sich die feier des Eros 
besonders angelegen sein liess. 



2. Eros in darstettungen des gewöhnlichen lebens. 



Sehr gross ist die masse des hieher gehörigen, aber 
während wir in der vorigen periode in die Verhältnisse der 
jünglinge und männer eingeführt wurden, so treffen wir hier 
lediglich die beziehungen zu den trauen, namentlich wird die 
Schönheit letzterer unzählige male gefeiert. Um dies zu be- 
greifen muss man sich erinnern wie sehr seit dem 4. jhh. 
macht und ansehen der weiblichen Schönheit wuchs ; schon 
von Chäremon (Nauck p. 610) ist uns eine reizende Schilde- 
rung des nackten weiblichen körpers erhalten, und die mitt- 
lere und neuere komödie hat zu einem hauptgegenstande 
die liebe und das leben mit den hetaeren, deren bedeutung 

*) vielleicht wird Eros als gott von frauen verehrt Jutta 584 u. 
Petersb. 860? 



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45 



im gesellschaftlichen leben in stetem zunehmen war (cf. 
Becker Charikles II*, 50). So dürfen wir uns nicht wundern 
dass auch die Vasenmaler diese stoffe eifrig ergriffen; aber 
nicht realistische scenen der Wirklichkeit finden wir, sondern 
indem diese werke meist aus einer idee geschaffen sind, 
wird ein göttliches wesen wie Eros so oft eingeflochten, um 
die allgemeinen demente der Situation hervorzuheben und 
nirgends tritt das begriffliche wesen des Eros dieser periode 
mehr hervor als hier. 

Dafür eine anordnung keine äussere anhaltspunkte gegeben 
sind, so muss man nach inneren gesichtspunkten suchen. Es 
lassen sich so zwei hauptgruppen trennen, je nachdem Eros, 
objektiv gefasst, liebe oder Schönheit verleiht, oder (subjek- 
tiv) selbst nur ausdruck dieser zustände der liebe oder 
Schönheit ist. 



d) Objectw-persönlick. 



Zunächst verleiht Eros liebe, er fordert dazu auf und 
ermuntert die liebenden: auf der schönen lekane Compte r. 
1860, 1 ist auch eine gruppe liebender, ein Eros sucht den 
jüngling dadurch festzuhalten dass er sich an seinen stock 
hängt (von Stephani unrichtig aufgefasst). Beim Symposion 
das durch hetären verschönert wird oder sonst im hetären- 
verkehr ermuntert er oft die paare.*) In der massvoll schö- 
nen composition Tischbein 4, 1 bildet Eros den mittelpunkt, 
er scheint den liebesantrag zu begünstigen und zugleich ge- 
nösse und beschützer des frauenlebens zu sein (hält er die schuhe 
der frau ?) Tätiger erweist er sich indem er schwebend das mäd- 
chen, das der jüngling umfangen will, an der hand zum ge- 
mache leitet (Panofka bild. ant. leb. 11, 1) ; nicht minder 

*) Dubois-Mais. intr 19, 1; 45; Miliin v. p. 1, 38; Laborde 
1, 28; Mon. d. J. 4, 24. 



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lebendig ist Millingen div. 26: ein Eros feuert das auf der 
kline sich umarmende paar noch mehr an, ein andrer bringt 
fliegend das Waschbecken herbei, 1. oben vielleicht Aphro- 
dite, die selbst mit zwei Eroten ein liebesgespräch lenkt: 
Jahn Vas. mit golcL 1, 2. Die leidenschaft entzündet und 
ermuntert Eros ferner Neapel 8. A. 699 ; 2924 ; Ant. du 
Bosph. 62, 2; er leitet das liebesgespräch Elite 4, 16, Petersb. 
766, 775; zwei Eroten sind schützende Wächter des paares 
Elite 4, 66, während eine verhüllte frau aus dem fenster 
sieht (ähnlich Neapel S. A. 369; Mus. Blacas 32 A). Die 
kröne dieser reihe bildet das attische bild Arch. z. 1873, 4, 
wo der allgemeine gedanke, dass auch der jüngling der frauen- 
liebe unterliegt, lebendig zum ausdruck gelangt: Eros als 
überredender helfer der mädchen hat sich auf den Schenkel 
des jünglings gestellt (cf. Petersb. 820, 1187) und weist ihn, 
der noch verwirrt (Stirnfalten) ins leere blickt, auf das na- 
hende mädchen. Ganz verwandt ist ein andres attisches bild 
(Bull. d. J. 1874, 86), nur dass hier das mädchen sitzt und 
der jüngling herantritt, dem Eros überredend die hand auf 
die schulter legt und ihn auf die schöne weist, ein motiv, 
das wir schon auf zwei Paris -Vasen fanden (C. R. 1863, 1, 
1; Arch. z. 1867, 224, also nicht allein auf dem Neapler 
relief). Weniger klar ist das feine attische bild Frohner 
choix 7, 1 (=: mus. de France 13, 3); begegnungen von 
epheben mit den mädchen am grabe sind bekanntlich auf 
attischen lekythen sehr häufig; hier geschieht es am altar 
und götterbild (der Aphrodite?), wo das mädchen betrübt 
(im liebesschmerz ?) sitzt, von Eros getröstet der zu gunsten 
des herbeigekommenen epheben spricht. Fröhner folgt auch 
hier der französischen Wissenschaft und sieht Aphrodite und 
Adonis; eine Widerlegung dieser noch immer für viele (un- 
ten nach andern gesichtspunkten zu erwähnende) bild er be- 
hebten deutung glaube ich mir ersparen zu dürfen ; sie kann 
sich nicht nur nirgends auf irgend ein charakteristisches mo- 
ment stützen, sondern es widersprechen ihr meist (wie hier) 
die motive direkt; mit einer methode aber die alles aus al- 



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lern machen kann ist nicht weiter zu rechten. Nur eine in- 
nere unwahrscheinlichkeit jener deutung sei noch hervorge- 
hoben: ich finde nirgends unter *den Vasen unsrer periode 
liebesscenen der götter von solch allgemeinem genrehaftem 
Charakter bar jedes individuellen dementes, dagegen ist die 
neigung gerade der attischen produkte dieser zeit (z. b. der 
grablekythen) bekannt, möglichst allgemeine scenen aus dem 
leben zu wählen. 

Aber nicht nur der begriff liebe sondern auch der 
Schönheit liegt im wesen des Eros: nur da ist liebe wo 
Schönheit ; dass Eros Aphrodite zu bedienen und zu schmü- 
cken hat, fanden wir schon in der ersten periode; aber erst 
in der zeit des ganz freien stils erscheint er als liebreizver- 
leiher auch gegen schöne frauen, entsprechend der oben be- 
rührten tatsache der wachsenden anerkennung weiblicher 
Schönheit. (Vgl. übrigens Eurip. fr. 132, 324, Hipp. 526; 
Arist. Lys. 515 sind Aphrodite und Eros Schönheitsverleiher, 
die beide über einer badescene sitzen Elite 4, 15). 

Betrachten wir zuerst die fälle, wo eine einzelne indi- 
viduell gedachte toilettescene durch Eros belebt 
wird; vor allem wenn nackte frauen baden, wo dann Eros 
bald schmuck herbeibringt und aus der badewanne aufsteigt 
Schönheit verleihend *), oder als eigentlicher dicner das ge- 
wand hält, wasser eingiesst, und beim anzuge hilft**). Bei 
zwei nackten mädchen von denen eines die (ftXiyyif hält 
(cf. CR. 1865, 191) lässt Eros das rädchen schnurren auf 
einem feinen frg. Compte r. 1862, 1, 1. Eine besonderheit 
bietet Mus. Blacas32 (verfall) wo E. ebenfalls über dem becken 
schwebt, aber ein stier mit menschengesicht so in das becken 
sieht als wolle er hineinspeien ; gewiss ist es der wasserdä- 
mon selbst der hier noch eine nymphe trägt; diese bildung 

*) München 827 fein mit gold, Hancarv. 3, 123; 2,25; Passeri39. 
**) Tischbein 1, 59 wo zwei ausserhalb zuschauende satyrn die 
begehrliche Stimmung bezeichnen, welche die nackte Schön- 
heit hervorruft ; Elite 4, 19 ; Tischbein 2, 36 und 3 ; Neapel 
2581; Ant. du Bosph.67; Arch. z. 1872 p. 69; Petersb. 1245. 



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der wasserdämonen war ja in Unteritalien populär (vergl. 
übrigens Jahn Aren. z. 1862, 326 A. 46; Steph. CR, 1863, 
118). — Auch sonst ist Eros der Schönheit gebende diener 
der frauen, er wäscht und schmückt die füsse der schönen 
(Tischbein 1, 2: Stackelb. 31; Jatta 1559), er legt ihr die 
sandalen an Compte r. 1860, 1, wo ein andrer die armringe 
entgegenhält, ein dritter wollte eine hydria herbeibringen, 
wird aber von einem hunde geschreckt ; mehr äusserlich an- 
gereiht sind die drei Eroten Compte r. 1861, 1. Ferner hält 
Eros dem mädchen den spiegel oder das toilettekästchen, 
reicht ihm den kopfschmuck, hilft den chiton anziehen oder 
bringt ihn herbei (Jatta 500, 1527 ; Rossi vasi Blacas 1 ; 
Brit. Mus. C 5 wo wieder ein staunender satyr beigefügt; 
Campana ser. 11, 35 ; ohne bestimmte handlung Jatta 1347, 
1445.) — Aber auch auf den jüngling der der hetäre war- 
tet giesst Eros Schönheit aus seinem alabastron (Elite 2, 49 ; 
auf das paar Elite 4, 63). 

Noch anziehender ist eine reihe von bildern, die, idealer 
gefasst, den allgemeinen gedanken einer feier der frauen- 
schönheit verwirklichen. So fasse ich Miner vini mon. di 
Barone 15 (fein) als feier des frauenlebens , das von Aphro- 
dite und Eros beglückt wird; denn die stattliche frau 1. ist 
Aphrodite, die dem von 1. herbeischwebenden Eros gebietet 
auf die sitzende frau zu schweben , die auch erwartend die 
hände hebt; aber auch das stehende mädchen in der mitte 
wird von einem Eros beglückt.*). Vor allem gehört aber 
hieher eine echt attische compositum, die uns in mehreren 
exemplaren aus Attika, dem südlichen Russland und der 
Kyrenaika erhalten ist: überall sitzt eine frau in der mitte 
von Eroten umschwebt oder geschmückt, dienerinen mit 



*) Diesem gedunkenkreise gehört gewiss auch das durch seine 
streng symmetrische entsprechung auffallende bild Uerh. Mystb. 9 
an, wo die Eroten mehr die gefeierte im kreise zu umtanzen 
als zu enteilen scheinen. Deutlicher ib. 8 wo sie auf sie zu- 
fliegen. 



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49 

toilettegerät und beischwebende Niken bilden die wech- 
selnde Umgebung. Die gewöhnliche erklärung sieht hier 
Aphrodite*) ohne begründung, vielmehr dem allgemeinen 
Charakter der darstellung widersprechend. Aus Attika 
stammt das bei Heydemann gr. Vb. p. 1 1 beschr. bild : Eros 
kauert auf der band der frau, dienerinen und Niken; Ant. 
du Bosph. 49 kauert noch ein Eros auf der hand einer der 
dienerinen; ib. 52; Elite 4, 33 nur eine Nike; Petersb. 1813 
ohne dienerinen, aber zwei Niken, die hierüberall andeutung 
der siegreichen macht weiblicher Schönheit sind (cf. Elite 4, 
9; Steph. CK. 1863, 68, 155; 1865, 37). Ohne Nike und 
nur ein Eros Ann. d. J. 1840, A, 11; Brit. Mus. C. 58. Fer- 
ner die frg. feinsten stils Compte r. 1862, I, 6 und 7; 1, 3; 
1, 4 etwas modificirt (die frau spiegelt nicht schminkt sich). 
Ilieher gehört auch Stackelberg 30 (Athen) wo ein Eros wie 
gewöhnlich die frau mit perlen schmückt, der andre ihr 
korbflechten hilft (so viel die Zerstörung erkennen lässt). 
Wer endlich überall nach mythologischen namen sucht, dem 
mag Brit. mus. 04 gelegen kommen: die composition ist im 
wesentlichen dicselbo, nur ist der frau EAEIS1I, dem Eros 
nOQOX beigeschrieben; ganz unberechtigt wäre der schluss, 
dass nun auch die übrigen bilder die schöne Helena dar- 
stellten; denn alles bestimmt charakterisirende fehlt, viel- 
mehr ist klar, dass wir es mit einem allgemeinen typus zu 
tun haben, bestimmt die Schönheit des weibes ganz allge- 
mein zu feiern mit hülfe von Eros und Nike; sehr leicht 
konnte nun aber ein Vasenmaler, um dem typus ein indivi- 
duelles intereB8e zu geben, den namen der gefeiertsten grie- 
chischen Schönheit, der Helena, beischreiben. — Ein voll- 
kommenes analogon zu der idealen auffassung des wirklichen 
lebens in diesen bildern sind die attischen grabreliefs des 
4. und 3. jhh., die rätsei bleiben, wenn man individuell rea- 
listische scenen des lebens darin sucht, die aber dennoch 

*) Auch llelbig vnters. p. 237, dor einige Wandbilder damit rer- 
gleicht, deren Verwandtschaft jedoch sehr flüchtig und 
allgemein ist und auf die wesentlichen punkte sich nicht erstreckt. 

Dr. A. Furtwingler, £roi. ^ 



50 



nicht durch tode Symbolik sondern lebendgen ausdruck und 
handlung den allgemein bedeutenden gedanken verwirk- 
lichen. 

Als neutral endlich bezeichne ich bilder, wo Eros 
weder decidirt Hebe noch Schönheit erteilt; so in der schönen 
darstellung Hancarv. 1, 32, wo die braut beschenkt wird 
und Aphrodite und Peitho, auf deren hand Eros steht (cf. 
Elite 8, 29), sowie Apoll und Chariten als hochzeitsgötter 
anwesend sind ; ähnlich Elite 4, 32 wo Eros der braut kränz 
und kästchen reicht. Besonders gehören hieher die zahl- 
reichen bilder die einen, kränz oder binde bringenden, Eros 
als beliebtes symbol benützen um anzuzeigen, dass die so 
geehrte person schön ist oder liebt: so kränzt er bei liebes- 
unterhaltungen die frau *) oder den jüngling **). Durch in- 
schrift ist Mon. d. J. 4, 47 ausgezeichnet : EPSIZ sitzt über 
einer frau, einen kränz über sie haltend, geblendet unschlüssig 
steht ein mann vor ihr, deren Schönheit Eros andeutet. Auch die 
schöne flötenspielerin im komos bekränzt er (Hancarv. 1, 40). 
Endlich schwebt er blos auf das Hebespaar zu***) oder sitzt da- 
rüber, f) Die wenig charakteristische nur andeutende art dieser 
bilder lägst auch zu, ihn als blossen Stimmungsausdruck zu fassen. 
Als allgemeiner beschützer der frauenschönheit erscheint Eros 
noch Elite 4, 34; Moses vas. Engl. 10; vielleicht Han- 
carv. 1, 71. Millingen div. 60 noch strengeren stils ist 
nicht ganz klar (cf. Jahn Ann. d. J. 1841 , 284), ein kleiner 
Eros kauert auf der hand eines mädchens (wie Öfter, z. b. 

*) Mon. d. J. 4, 23; Elite 4, 69, 73; Millingen div. 45; Mon- 
d. J. 3, 47 ; Rochette mon. in. 49 A ,2; Jatta 1517; Petersb. 1236. 

*•) Elite 4, 74; Neapel S.A. 321, 651; Jatta 694; Petersb. 87ä; 
von ruhigem Charakter ist die scene Elite 2, 23 A., Berlin 880, 
wo die musische beziehung des Eros vorwiegt. 

**•) Elite 4, 64; Gerh. Mystb. 6; Neapel 8. A. 599; Ann. d. J. 
1843, A. 

f) Aroh. z. 1871, 56, 1 wo das paar alla morra spielt; Gerh. 
Myst. b. 11, 1 wo es ball spielt; Hancarv. 1, 74; Ann. d. J. 
1870, 8; Elite 4, 76; Neapel 2867; Berlin 888, 1037. 



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51 



Petersb. 1187 B, vor ihr ein jüngling mit liebesgeschenk), 
das ganze sieht einem feierlichen zuge gleich (vgl. Elite 4, 
38; Hanc. 4, 96; München 358), vielleicht um eine neuver- 
mählte zu beschenken. — Ganz singulär scheint Elite 4, 44 
zu sein; vielleicht darf man den gedanken darin suchen 
liebe und Schönheit sind nicht mit roher gewalt zu erlangen P 
(cf. Plat. symp. 195 E). — Dem verfallstile gehört an 
Jatta 1417, wo Eros einen pfeil abschiesst auf ein auf die 
kniee gefallnes mädchen, das ähnliche bild Petersb. 1181 
ward schon erwähnt. 

Endlich sei noch eine reihe von bildern erwähnt, die, 
weil man sie nicht im Zusammenhang betrachtete, bisher zu 
den verschiedensten falschen auslegungen anlass gaben; es 
sind dies die mit Eroten verbundnen weiblichen köpfe. 
Schon seit alter zeit geschah es nicht selten, dass man eine 
darstellung dadurch abzukürzen suchte, dass man diehaupt- 
personen in büstenform gab (vgl. z. b. Mus. Greg. II, 66, 
3 b; Laborde II, 23; Campana ser. 4, 104; ser. 9, G, 394; 
Mon d. J. 4, 46, 1; Gerh. ak. abh. 68, 3; Lenormant coli. 
Raif6 1408 ; und die häufigen barbarenköpfe mit greif- und 
rosskopf Heydemann gr. Vb. 7,2, Petersb. 2191 ff.). So 
ist es nur als eine abkürzung zu fassen, wenn der Vasen- 
maler, der so unzählige male die frauenschönheit zu feiern 
suchte, nun einmal blos einen frauenkopf giebt und Eros 
als andeutung der Schönheit und liebenswürdigkeit hinzu- 
fügt; die frauenköpfe sind nirgends bestimmt charakterisirt, 
so dass wir überall, wie auch bei den unzähligen einzelnen 
frauenköpfen unteritalischer gefasse nur eine sterbliche er- 
kennen dürfen. Die Eroten (bald mehrere bald nur einer) 
bringen bald einen kränz oder eine tänie, bald schweben sie 
nur so auf den köpf zu oder sie sitzen zu beiden Seiten 
oder umtanzen gar den köpf; einigemale ist noch eine frau 
in ganzer gestalt hinzugefugt, es ist die dienerin (vgl. die 
satyrn neben Dionysos büste). 

Folgende falle gehören hieher : 

Gerhard Apul. Vb. B, 10; Bull. Nap. n. a. 6, 10; 

4« 



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52 

Elite 4, 1 und 2; Gerh. Mystb. 3; Neapel 3418*); Arch. 
z. 1850, 16, 4; Brit. mus. C25; C 41 ; Petersb. 2009; Fröh- 
ner choix de vas. gr. p. 28 J, M, R; Neapel 2876, 2925, 
3418 , 2863 , 3221 A und B; 3218, 2882, .8. A. 483, 287; 
697 umtanzen sie den köpf in phrygischer kleidung. Asia- 
tische Schönheit wird gefeiert, wenn ein jüngHngskopf mit 
barbarenmütze von "Eroten umgeben ist wie Neap. 3218 B.**) 
Etwas ganz andres ist es mit Fröhner choix t. 6 und 
Mon. d. J. 4, 39 (wovon München 558 eine replik); noch 
Stark (Heidelb. jahrb. 1871, 15) scheidet gar nicht , indem 
er überall wo Eroten und ein köpf vorhanden sind, eine auf- 
steigende Aphrodite sehen will, eine deutung deren Unmög- 
lichkeit aus der obigen Zusammenstellung hervorgeht. Hier 
liegt zunächst ein wesentlicher unterschied darin, dass Eros 
oder die Eroten weg und entfliegen ; ferner kommen auf 
dem einen bilde die satyrn hinzu, auf dem andern ist der 
köpf durch ein blumenscepter als höheres wesen charakteri- 
sirt; Strube (studien p. 70 ff.) hat hier Gaea richtig erkannt, 
wie er auch das motiv im ganzen richtig fasst, seine deutung 
jedoch ist durchaus nicht haltbar ; meine eigenen Vermutungen 
hierüber auseinanderzusetzen würde zu weit führen, auch ist 
es besser, wenn man solchen problemen gegenüber ruhig 
wartet, bis spätre entdeckungen vielleicht das gewünschte 
sichero licht verbreiten. 



•) Ganz dieselbe composition wio auf diesen Vasen ist zur deco- 
ration verwandt auf 2 terracottamedaillons bei Millingen un. 
mon. 2, 19 und 20 und einem stirnzicgel (Campana op. in pl. 
11) und wahrscheinlich auf dem capitell Mus. Borb. 15, 40. 
**) Häufig ist es dass Eros und der Frauenkopf auf beide Seiten 
der Vase vertheilt sind, z. b. Gerhard Apul. Vb. 3; Petersb. 
1132, 1159, 1359; Berlin 1060, 1158, 1164, 1184; Neapel 
2320, 3233, 2888 A; S. A. 360, 491 hat der frauenkopf rücken- 
flügel, wio auch Berlin 1070, 1253, 1994; Bull. d. J. 1808* 
187; Biardot terresc. 40; Lenorm. coli. Raife 1405: es sind 

■ 

eben Niken, in ihrer beziehung zu den frauen. 



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53 

b) Subjectiv-psychologisch. 

Ohne eine streng logische Unterscheidung durchführen 
zu wollen, was bei unsern monumenten überhaupt unzu- 
lässig wäre^ fasse ich die fälle zusammen, wo Eros mehr zu- 
ständlich als Stimmungsausdruck gefasst wird. Auch hier 
scheiden sich zwei gruppen, je nachdem Eros als liebesprin- 
cip in jedweder handlung erscheint, oder vermöge der cha- 
rakterähnlichkeit eine dauernde Verbindung mit gewissen 
personen eingegangen hat. 

Eros steht hinter einem jüngling , der einer hetäre eine 
tänie anbietet, ebenfalls die tänie haltend (Dubois-Mais. intr. 
42, 2 ; ähnlich Neapel 3248, Berlin 1056) , er hält die oino- 
choe beim abschiedstrunke der liebenden (Elite 4 , 95 noch 
von Heibig unters, p. 23G ohne grund als Ares und Aphro- 
dite gefasst); besonders aber zeigt sein herbeischweben die 
liebesstimmung an : so eilt er mit einem kränze auf Sappho 
zu, durch die inschrift als TA. IAH bezeichnet, war es doch 
vor allem unglückliche liebe die ihr dichtergemüt erfüllte 
(abh. der sächs. ges. 8, 1, 1; ähnlich sind zu fassen Brit. 
Mus. 1255; Berlin 877). Fein ist Cab. Pourtales 33, 1: das 
mädchen denkt des geliebten, ist zerstreut und wird 
aufgemuntert bei der arbeit Verliebte mädchen scheinen 
auch Gerh. Mystb. 10 dargestellt, die eine spielt harfe , die 
andre lässt das liebesrädchen schnurren , oben aber sitzen 
Aphrodite und Eros. Erotische Stimmung herrscht auch 
beim kottabosspiel (cf. Philol. 26, 216), drum schmückt oder 
richtet Eros den Ständer her (Inghir. v. f. 177; Neapel S. 
. A. 322; 2308; Bull. d.J. 1869, 30, 10 allein). Als ausdruck 
der Stimmung des liebhabers (der trauernde jüngling des 
rev.) schmückt Eros die grabstele auf der des mädchens 
köpf und fussund dabei naX[i) gezeichnet ist (München 294; 
vielleicht ist ähnlich zu fassen Elite 2, 97 A). 

Am reichsten an anmutig phantasievollen erfindungen 
sind aber auch hier die feinen kleinen meist attischen 



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54 



gefasse: verliebte mädchen bringen den liebesmachten gern 
ein opfer,' ihre Stimmung zeigt Eros an, der herbeischwebt 
oder hilft (Stackelberg 35, 4; Heydemann gr. Vb. p. 2 n°- 
3 Eros trägt die fruchtschüssel herbei; Neapel 2050 ; Cam- 
pana ser. 9 G, 172 legt Er. selbst den Weihrauch ins thy- 
miaterion; Brit. Mus. C 40), auch dem liebespaare ist er so 
behülflich (Compte r. 1865, 102 vig. wo Eros wieder den 
fruchtteller zu der herme trägt.)*) Dass gänse nicht nur 
die lieblingsvögel der frauen waren, sondern auch besonders 
als liebesgeschenke Verwendung fanden ist bekannt; 
desshalb überbringt sie Eros den frauen : so fasse ich Revue 
archeol. 1864, 1, wo Eros die gans herbeigebracht hat**), 
freudig empfängt die frau das geschenk (Fröhner mus. de 
France 13, 4, weder Aphrodite noch Leda), und schon hat 
sie das tier auf den Schoos genommen (Bull. d. J. 1868, 158 
19, nicht Leda, cf. ib. 1869, 252). Dem ersten bilde am 
nächsten steht Bull. d. J. 1868, 155, 10, nur dass hinter 
Eros ein jüngling mit kerykeion sitzt ; ob ein liebesabenteuer 
des Hermes oder ein böte vom fernen geliebten? Hieher 
ferner Mon. d. J. 4, 10; Eroten mitgänsen und frauen auch 
Brit. Mus. 1634. — Auch eine schale mit aepfeln ist ein 
willkommenes geschenk für das mädchen aus Eros hand 
(Heydem. gr. Vb. p. 9). 

Nicht minder wird die entsendung des Eros mit liebes- 
gruss und geschenk dargestellt, so Heydem. gr. Vb. p. 2 
no. 2 wo sich Eros eiligst mit der frucht von dem mädchen 
entfernt, mit einem kästchen und liebesbinde Bull. d. J. 1867 
234, 28.***) Den schluss bildet es, wenn Eros flötend vor 

*) Mehr der altern periode schliesst sich an Petersb. 1481 wo 
Eros für den jüngling (des reverses) das liebesopfer darbringt. 

**) das „ei" neben der frau ist auch kein schild, sondern ein 
tympanon als Spielzeug der Mädchen. 

***) Obwol sich Benndorf hätte auf ein epigramm stützen können 
(Anth. Gr. 4, 190, 343) wo Eros den Chariten im bade die 
kleider stiehlt, so enthält doch seine deutung, es habe hier 
Eros dem mädchen die suchen geraubt, einen im kreise dieser 



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55 



dem brautzuge herschwebt (auf dem herrlichen frg. bei Hey- 
dem. gr. Vb. 10, 1) — wie in den meisten obigen bildern 
ist ihm eine reale handlung zuerteilt, ohne aus den grenzen 
des begrifflich symbolischen zu gehen, indem er eben aus- 
druck der liebesstimmnng ist. 

Eines der beliebtesten kunstsymbole war es aber, Eros 
die mädchen verfolgend darzustellen, um das eindringen 
der liebesleidenschaft zu bezeichnen ; denn Eros verfolgt nicht 
für sich selbst, wie die andern zu vollen menschlichen per- 
sonen gewordenen götter, sondern in dem psychologisch 
symbolischen sinne unsres Eros auf Vasen. Dass man dem 
Eros entflieht ist sehr begreiflich, wenn man sich der allge- 
mein verbreiteten anschauung erinnert, dass die Hebe auoh 
ein schlimmes übel sei: schon Sappho nannte Eros y\v*vm- 
Kpof und Ibykos zittert wenn er herankömmt (fr. 2); vgl. 
ferner Eurip. fr. 340 nat ydp ovx avSaiptroi ßpotoii ip<a>xts 
ovh' inovaia vo'tfor, fr. 132 ist Eros jtiox$<*> v Sytiiovpydf, 
ein rvpawot dvbpaJv ib. und Hipp. 538; vgl. noch fr. 867, 
fr. 26, fr. 889; Bion id. 4, 13 flieht den Eros, doch hilft es 
nichts und ist unmöglich (Anth. Gr. 2, 80, 3; 4, 118, 2). 

Dass Eros nicht für seine person verfolgt, wird klar 
aus Miliin v. p. II, 45 wo ein jüngling den Eros anzutreiben 
sucht, seiner spröden fliehenden geliebten liebe einzuflössen; 
ähnlich Berlin 1076. Sonst verfolgt Eros das mädchen, ent- 
weder laufend oder schwebend, allein; manchmal wird nach 
beliebtem schema noch eine enteilende oder auch nachlaufende 
frau hinzugefügt.*) Doch auch unter mehrere jünglinge, 

bilder und überhaupt der Vasenmalerei geradezu unmöglichen 
gedanken; dazu kommt, dass die mädchen auf unsern bildern 
meist fast nackt sind und nichts auf das bad weist. 
*) Tischbein 3, 26, 27 ; Jnghir. v. f. 281 ; Passeri 93 ; Heydem. 
gr. Vb. p. 2 n° 4 (auch hier ist wieder ein eatyr beigefügt); 
Arch. anz. 1856, 244 (Athen); Petersb. 1627, 1937, 1940, 
2006, 2008, 2018, 768; Jatta 1319; Berlin 1182 (auf dem 
rev. verfolgt der jüngling selbst das mädchen) ; zu ross (über 
dessen erotischen Charakter Steph. GR. 1864, 28) Compte r. 
1867, 48 vig. , Ant. du Bosph. 56, 3. 



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56 



die mädchcn verfolgen, ist Eros gemischt, gleichsam als er- 
klärung dass alles liebesverfolgungen sind (Neapel 2416, 
2418, 3247). Die zarte jugendliebe endlich soll der Eros 
ITTAOi: bezeichnen Bull. Nap. 2 p. 14 (cf. Jahn darst. 
gr. dichter p. 714). Auch hier, wie überall in dieser periode, 
macht sich Eros nur mit den mädchen zu schaffen. 

Drei sehr charakteristische scenen aus dem liebeleben 
zeigt eine attische pyxis (Ileydem. gr. Vb. p. 9): erst die 
spröde flucht vor dem verfolgenden Eros, dann das unbe- 
sonnene hereinfallen (einem hineilenden zurückbleibenden 
mädchen naht von vorn ein Eros) und schliesslich das volle 
verliebtsein (Eros in freundlichem verkehre mit der frau). 
Letzteres symbol, das herannahen des Eros mit dem kist- 
chen, ist in demselben sinne angewandt Heydem. gr, Vb. 
t. 9, 1 bei dem vereinten paare, während der Eros bei der 
andern spröden frau noch ruhig spielt. Ueberhaupt wird 
nun das plötzliche überkommen der leidenschaft dadurch 
ausgedrückt, dass Eros stürmisch an das mädchen herantritt, 
wodurch wir erinnert werden an Eur. Hipp. 1274: SiXytt 
b"'Ep<sDf (b> uaivojutvav npabiav — tpopjttdaij oder ib. 527 
wo tjuapartveiv von Eros gebraucht wird.*) So auf dem 
schönen bilde Stackelberg 31 , wo er heranstürmt als wolle 
er sie umfangen , nur leise wehrt sie ab ; ähnlich Neapel 
3354, R. C. 136 B. Fester schon hat sich Eros eingenistet, 
wenn er auf dem schoose des mädchens sitzt , wie Neapel 
S. A. 317, 580, auf dem schoose Helenas Overb. Gall. 12, 8. 

Den wol vorbereiteten endpunkt dieser reihe bildet es, 
wenn Eros die frau glühend umarmt, ja küsst. **) Leider 

*) wie auch bei Xenoph. Eph 1, 2; Eustath. do amor. Jsm. 10 p. 
462; cf. Lucian dial. deor. 20, 15 "Egtog ofoog nagelbt** eg 
avirjv uvayxdaBi igäp. 
**) Elite 4, 42 und 43 (darüber ein knabe nach gänsen haschond, 
zur raumfüllung) j Tischbein 3, 23 (die kleine figur 1. ist ein 
dienendes kind, wie z. b. bei Fröhner mus. de Fr. 40, 2, vgl 
die verwandten figuren auf den grabstelen Pervanoglu gräbst, 
p. 28 ff.); beim bade Elite 4, 16. 

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57 



sind auch diese bilder sehr misverstanden worden, indem 
man wieder Aphrodite annahm (cf. Steph. CK. 1860, 89; 
18(53, 64; 1865, 160; BernoulH Aphr. p. 392) und so ohne 
alles recht dem geiste der Vasenmalerei in's gesicht schlug. 
Schon der zusammen hang, in den ich diese bilder ge- 
setzt habe, und unsre bisherigen resultate zeigen, dass auch 
hier nur eine sterbliche gemeint sein kann, doch verdient 
die frage diesmal eine nähere beleuchtung. Bei alexandri- 
nischcn dichtem freilich kömmt es nun auch vor, dass Aphro- 
dite den solin umarmt und küsst (Apoll. Rh. 3, 149, ihm 
nachgeahmt Nonnos 33, 143; 41, 400; Ovid. Met. 5, 363), 
immer aber in der bestimmten absieht, ihn günstig zu stim- 
men und zu etwas zu überreden; überall ferner ist es Aphro- 
dite die Eros an sich zieht und umarmt, ganz dem mütter- 
lichen Verhältnisse entsprechend; auf unsern Vasen dagegen 
ist es consequent umgekehrt, Eros wirft sich hier stürmisch an 
die brüst der frau, wofür, wenn es seine mutter wäre, wahrlich 
gar kein grund einleucli tete. Dagegen gewinnt unsre darstellung 
erstverständniss und leben, wenn wir eine sterbliche erkennen, 
die den stürmischen anfallen des Eros wollüstig freudig unter- 
liegt. DassEros das mädchen umarmt ist ein rein künstlerisches 
symbol ganz im sinne der obigen ; wir dürfen daher nicht er- 
warten, aus der poesie Zeugnisse dafür holen zu können ; doch ist 
es eine verwandte, nur eben poetische, Symbolik wenn Eros 
bei Theokrit id. 2, 55 wie ein blutegel alles blut aussaugt; 
dass Eros die menschen gerne küsst geht hervor aus Mosch, 
id. 1, 26; Longus past. 2, 4 IT. Bestätigt wird unsre deut- 
ung, wenn Eros Helena oder Orpheus umarmt, ebenfalls nur 
um das. erfülltsein von liebe zu bezeichnen (Bull. Nap. 5, 6; 
Neap. 8. A. 709).*) — Ich lege deshalb so viel gewicht 



*) Auch die schöne Spiegel kapsei Compte r. 1865, 5, 1 ist auf 
eine sterbliche zu deuten, nicht ohne lebendige beziehung auf 
die schöne besit/.erin, ebenso die gemmc ib. 1S60, 4, 7, beide 
monumente gehören in's vierte Jahrhundert. 



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58 



auf diese erklärung, weil diese bilder erst so gefasst sich in 
das ganze der Vasenmalerei vortrefflich einreihen und ihrer 
symbolisch-begrifflichen auffassung des Eros entsprechen; von 
diesem Standpunkt gefasst kann man die deutung als Aphro- 
dite für geradezu unmöglich erklären; eine so significante 
handlung des Eros ohne jede weitere veranlassung und be- 
deutung, nur ein menschlich persönliches und noch dazu 
willkürlich seltsames verhältniss ausdrückend, würde im be- 
reiche der Vasenmalerei als ein rätsei dastehen. 

Aus denselben gesichtspunkten muss ich einer andern 
bisher allgemein angenommenen deutung widersprechen ; ich 
meine Jahn beitr. t. 7, 1, denn dass hier Aphrodite Eroten 
abwäge, wie viel der oder der mehr koste und sie danach 
verhandle, liegt weder in den motiven des bildes noch im 
geiste der Vasenmalerei : es ist vielmehr der Wetteifer zweier 
liebenden dargestellt: ernst sehen sie sich an und wägen 
ihre gegenseitige liebe ab, welche schwerer, welche stärker 
sei; es kämpfen Eros und Anteros wetteifernd gegeneinan- 
der, denn wenn irgendwo, so bieten sich hier diese namen 
passend, aber auch nicht notwendig an. Durch die offen- 
bare analogie der psychostasie erhält das ganze etwas humo- 
ristisches. 



Doch gehen wir zur zweiten gruppe über: ganz wie 
Eros der ständige begleiter des Dionysos ward wegen des 
beiden gemeinsamen Charakters der ekstase, so verbindet 
ihn auch die Charakterähnlichkeit, die jugendanmut und 
Schönheit dauernd den mädchen; denn Eros ist napSiviOf 
(Anakr. fr. 13) und vtotyti x<*ip fL (Longus pastor. 2, 7); 
wie er im thiasos der geist der wilden bakchischen aufre- 
gung ist, so repräsentirt er hier den reiz der liebenswürdig- 
keit, der am wesen und leben der mädchen haftet und be- 
sonders in ihren spielen hervortritt; so schwebt denn Eros 



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59 



über zwei spielenden mädchen Corapte r. 1860, 1; zwischen 
zwei schaukelnden Gerh. Ant. B. 53; ib. 54 stösst er selbst 
die schaukel. Oefter beteiligt er sich beim beliebten ball- 
spiel : Elite 4, 60 überrascht er sie, wie auch Arch. z. 1853, 
57, 2; Laborde I p. 66; Campana ser. 4, 228; Wien IV, 
153; V, 289, Durand 585 (Venus-Libitina und Amour infer- 
nal !) ; Laborde 1, 47 fängt ein kleiner Eros den ball auf, 
ein grös8rer hängt auf dem rücken einer frau im iythpianof 
als sieger (cf. Hermann Gr. Ant. 3, 33, 36) ; gewiss ist ähn- 
lich als spiel der frauen München 786 zu fassen, denn es 
ist Eros, wie so oft, weiss gemalt, mit kleiner chlamys auf 
dem 1. arm, und nicht ein „mädchen" (Jahn), der lustig an- 
treibend den frauen vorangeht, die sich, im oben erwähnten 
sinne, auf dem rücken tragen; der satyr bei ähnlichen sce- 
nen hat nichts auffallendes. Auch über zwei alla morra 
spielenden mädchen schwebt Eros (Ann. d. J. 1866, U fein), 
die mädchen haben sich auf ihre hydrien niedergelassen ; 
beim wasserholen selbst, wo die anmut der mädchen so leb- 
haft hervortritt, sind sie ebenfalls von Eroten begleitet (Ne- 
apel 2373 „fein"); ja selbst auf häuslich beschäftigte spin- 
nende mädchen fliegt Eros (Bull. d. J. 1871, 158, 5)*). Ne- 
ben diese charakteristschen haupttätigkeiten der mädchen 
gesellt sich die musikalische Unterhaltung, die Eros wie im- 
mer besonders begünstigt : so fliegt er auf das leierspielende 
sitzende mädchen mit ausgebreiteten armen zu, während das 
andre flöten hält, auf zwei ganz ähnlichen feinen Vasen 
(Compte r. 1868, 79 vig. und Bull. d. J. 1865, 54; ähnlich 
auch Neapel R. C. 134). Ein musisches vergnügen ist auch 
der waffentanz (Elite 2, 80), weshalb Eros mit der leier unter 
den mädchen als zuschauer schwebt. Endlich tanzt Eros 
auch selbst mit den mädchen.**) Ja es lässt ein mädchen • 



*) Er angelt mit zwei mädchen auf einer sehr späten polychromen 
Vase bei Jahn Vas. mit gold. n° 32. 
•*) Hancarv. 4, 81 mit krotalen, Neapel 2919 mit tympanon, 
vielleicht sind daher mänaden zu erkennen. 



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60 

sogar den Eros auf ihrem fusse tanzen (Tischbein 3, 28). 
Nicht ganz klar ist mir das oft publicirte Bild Elite 4, 85 
geworden ; am einfachsten wäre es anzunehmen, dass Eros 
den mädchen eben beim früchte pflücken hilft, wie er ja auch 
den nymphen des Dionysos bei derselben beschäftigung an 
die band geht (Ant. du Bosph. 63, 2). — Ueberall ist hier 
das mädchenhaft liebenswürdige wesen des Eros das verbin- 
dende glied zwischen ihm und den mädchen; drum beteiligt 
er sich auch keineswegs an den männlichen spielen *) ; jener 
Eros der nur mit den epheben spielt, ja in den kämpf vor- 
an eilt, ist hier vollkommen verklungen. Dagegen könnte 
man nur anführen Miliin v. p. 1, 45 = Welcker A. D, 3, 
25, 2, doch hier mag das noch nicht sicher gedeutete spiel 
eine erotische bedeutung haben, etwa wie der Kottabos; wo 
nicht, so lässt die ungenauigkeit der Zeichnungen in Millin's 
werk auch die Vermutung zu, dass das original nicht zwei 
Eroten sondern zwei Niken hatte. 

c) Unter italische bilder des Verfalls. 

Endlich ist noch eine grosse reihe von Vasen übrig, die 
stil und auffassung nach durchaus der periode des Verfalls 
angehören und sämmtlich aus Unteritalien stammen. Ver- 
gebens sucht man in ihnen nach klaren motiven einer hand- 
lung, dagegen treffen wir eine fülle von attributen mit denen 
die personen überladen erscheinen und die entweder der 
toilette oder dem aphrodisisch-dionysischen kreise angehören ; 
es sind namentlich das kästelten, schale, kränz, zweig, tänie, 
spiegel, fächer, leiterchen, vogel, rädchen, ball, eimer, tympa- 



) Somit erweist »ich die von Jahn oft wiederholte behauptung 
(z. b. Ber. d. s. g 18!U, 244), Uros könne bei jeder be- 
schüftigung der weiblichen und männlichen jugend teilnehmen 
als wenigstens für diese periode unrichtig. 



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61 

non, Weintraube, flöte, auch fackel und thyrsos. Von einer 
handlung kann man eigentlich nie reden, da es nur Sche- 
mata sind, die beliebig verwendet werden ; am häufigsten 
sind ausser ruhig stehenden oder sitzenden besonders lau- 
fende und ein bein höher stellende figuren. 

Am nächsten an das schon besprochnc schliessen sich 
bilder an, die sich deutlicli als verflachte liebesunterhaltun- 
gen kund geben: so wenn Eros einen jüngling in frauenge- 
sellschaft kränzt*) oder auf die frau zufliegt**). Noch ober- 
flächlicher wenn Eros blos oben sitzt oder schwebt***). 

Das häufigste aber ist dassfraucn und Jünglinge (je nach 
dem räum eine grössre oder geringre anzahl) mit einem oder 
mehreren Eroten gruppirt sind ohne jede handlung, in den 
gewöhnlichsten Stellungen und mit möglichst vielen attribu- 
ten; sie sitzen oder schreiten, oft in langer reihe indem 
manchmal Eros voranläuft, f) Seltner findet sich Eros mit 
einem jünglinge allein zusammen ff). — Das ungleich häu- 
figste aber sind die zahllosen fälle, wo Eros mit einer oder 
mehreren frauen allein zusammengestelU wird; in höchst 



*) Dubois-Mais. intr. 41, 2; Tischbein 2, 32., Jnghir. v. f. 174; 

Elite 4, 74; Passeri 86; Petersb. 770; Neapel 2033, 2568, 

2577, 2573, S. A. 533, 539. 
**) München 840, Neap. 1909, 1920, 1998, 2357, S. A. 21, 530. 
***) z. b. Mus. Blacas 8; Bull. Nap. 2, 4; Neap. 2084, S.A. 328; 

Petersb. 346. 

f) z. b. Rochette mon. in. 45, 3; Ann. d. J. 1840, O; Mon. d. 
J. 4, 17; Passeri 35, 36, 47, 67, Gern. Apul. Vb. A, 12; 
Neapel 3220, 3221, 3224, 3218, auch Laborde I, 13; Hancarv. 
3, 47 wo auch wie öfter eine badewunno vorkömmt ; Berlin 
1006 sind alle um einen grossen krater versammelt; Neapel 
3238, 1987, 2145, 2646, 2304, S. A. 341; Passeri 10; es 
mischen sich satjm ein Neap. 2372 wo Eros voranläuft, 3236. 
Variationen ohne bedoutung scheinen Passeri 198; Miliin v. p. 
2, 40 wo Eros weggeht, cf. Brit. Mus. 1313, 1589. 

tt) z- b. Labordo 2, 28; Neapel 2233, 1757 A, 2679, 1940,1818 A. 



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62 



eintöniger weise sitzt bald Eros bald die frau, oder es läuft 
eines auf das andre zu oder ihm nach*). 

Die frage nach der bedeutung dieser bilder ist nicht 
leicht zu beantworten; mit recht hat man die annähme von 
mysterienscenen aufgegeben; andrerseits können aber auch 
eigentliche scenen aus dem täglichen leben nicht gemeint 
sein, indem kaum die erst erwähnten beispiele sich so fas- 
sen hissen ; sonst deutet alles darauf hin, dass es dem ma- 
ier nur darauf ankam, durch eine allgemeine Zusammenstel- 
lung der figuren gewisse airgemeine anschauungen und 
gedanken im beschauer zu wecken. Von den attributen 
wird nie ein charakteristischer gebrauch gemacht und die 
gestalten werden in eine durchaus ideale sphäre gerückt; 
besonders bezeichnend für diese abstrakte allgemeinheit ist, 
was bei diesem weiblich üppigen volke sonst unerklärlich 
wäre, dass meistens rohe felsen zum sitze dienen ; dazu kömmt 
dass manchmal eine frau einen thyrsos trägt oder sich sa- 
tyrn einmischen. — Nicht selten finden wir bilder wie die 
besprochenen neben künstlerisch bedeutenden mythologischen 
Vorstellungen an den untergeordneten teilen desselben ge- 

*) z. b. Ann. d. J. 1852, Q , Hancarv. 3, 126; Passeri 5, 54, 
55, 61, 62, 77, 87, 94, 115, 185; Caylus recueil I, 38; 
Neapel 1973, 1939, 1933, 2009, 2343, 1915, 1943, 1968, 
2010, 2012, 21U7, 2307, 2680, 8. A. 213, 326, 330, 359, 
647 ; Petersburg 819, 776, 1093, 1102, 1190, 1192, 1197, 
1234, 1241, 1249, 1252, 1306; Berlin 787, 899, 954, 1041, 
1062, 1065, 1175, 1178; häufig istauch die gegenüberstellung 
an zwei Seiten der Vase z. b. Elite 4, 36; Moses vas. Engl. 
27; Neapel 853, 858, 2126, 8. A. 294, 340; Petersb. 1203, 
1214, 1361, 1363; Berlin 1137, 1142,1180, 1998 ff. Oft läuft 
Eros der frau nach, wieNeap. 2072, 2118, 2493, 2700,1765, 
1896, 2098, oder ihr voran : Neap. 2015, 2577, S. A. 27 B. 
299. — Eine reiche Zusammenstellung solcher bilder s. auch 
bei Jatta catalogo p. 1151 unter „daemon androgino" und in 
Newtons Vasencatalog des Brit. Mus. bd. II p. 310 unter 
„Eros audrogynus." 



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63 



fässes, woraus hervorgeht dass es nicht Unvermögen war eine 
scene des täglichen lebensidarzustellen, sondern dass man eben 
nur ganz allgemeines geben wollte (gerade wie bei den sog. 
mantelfiguren auf dem revers der besten Vasen); diese all- 
gemeinen gedanken aber künstlerisch durchzubilden war bei 
solchen nebenvorstellungen zu viel verlangt, und spater als 
sie die hauptdarstellungen wurden war auch die künstlerische 
fähigkeit geschwunden; man begnügte sich also, statt durch 
handlung und Charakteristik, das gewollte wesentlich durch 
attribute auszudrücken, wodurch die figuren freilich zu zei- 
chen herabsanken. — Suchen wir nun die art dieser allge- 
meinen Vorstellungen näher zu bestimmen : die attribute be- 
ziehen sich alle auf sinnliches wolleben und glück, es sind 
die bei der toilette sowie im kreise der Aphrodite und des 
Dionysos gewöhnlichen; dass ein krater einmal den mittel- 
punkt der Versammlung bildet und Weintrauben sich oft in 
ihren händen finden, weist deutlich darauf hin, dass sie be- 
sonders von dionysischen genüssen beglückt sind. Auch 
Eros trägt alle bakchischen attribute; die allgemeinheit der 
ganzen darstellungen hat auch ihm eine allgemeinere bedeu- 
tung verliehen, immer ist er eine hauptperson und verkehrt 
freundlich mit den menschen, er erhebt sie in eine ideale 
Sphäre, er beglückt sie, indem er mit ihnen ganz auf einem 
fus8e verkehrt (Eros ist fast immer jünglingshaft), ja er ist 
offenbar zu einem allgemeinen glücksdämon, zum repräsen- 
tanten der Schönheit und des sinnlichen wollebens geworden. 
Zu dieser Verallgemeinerung hat seine Verbindung mit dem 
dionysischen kreise das meiste beigetragen, denn hier ward 
ihm zuerst jene weitere bedeutung als personification der 
lu st voll-seligen bakchischen aufregung, die ja bekanntlich in 
spätrer zeit allgemein als ziel und ideal des glucks betrach- 
tet wurde. Demnach scheint es die absieht unsrer bilder 
zu sein, durch den verkehr mit diesem Eros beseligte men- 
schen darzustellen. -— Erinnern wir uns nun jener attischen 
inschrift- Vasen , wo wir ebenfalls den gedanken fanden, 
das jedem vorschwebende ziel des lebensglücka darzustellen; 



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64 



doch was dort künstlerisch durchgeführt ist, finden wir hier 
nur ärmlich angedeutet: ein wollebcn in aphrodisisch-diony- 
sischen genüssen. 

Die von dem gewöhnlichen erdenleben abstrahirende 
allgemeinheit der darstellungen, ihre bestimmung für gräber 
lässt endlich die frage berechtigt erscheinen, ob mit diesen 
bildern von glücklich beseligten nicht auf den erhofften zu- 
stand nach dem tode angespielt werden sollte. In welcher 
weise man sich letzteren dachte deutet Bull. Nap. n. s. 3, 
14 an, wo Aphrodite Eros und Silen das leben des Herakles 
nach dem tode verschönern werden, und wer musste sich nicht 
dasselbe wünschen? Noch deutlicher würde CR. 1863, 6, 1 
sprechen, wenn Stephanis deutung ganz sicher stände. Aus den 
bildern selbst werden sich jedoch schwerlich entscheidende 
gründe ziehen lassen, weshalb ich auch die frage nur aufgeworfen 
haben möchte. Wenn öfter über der gewöhnlichen sepulcralen 
darstellungen am halse sich eines unserer bilder findet (z. b. 
Gerh. Mystb. 3, 4 ; Neap. 1 765, 2197, 3229, 2022), so könnte man, 
da oft eine beziehung der am halse befindlichen Eroten zu 
der Vorstellung am bauche stattfindet (z. b. Neap. 1757, 
3218, 3238, 3221, S.A. 697), eine solche vielleicht auch hier 
vermuten wollen. *) 

Doch wie es auch damit sei, so bleibt doch Eros immer 
derselbe; denn er hat selbst nie bezug zu gräbernoder zum 
tode als solchem; nie erscheint er auf den so häufigen se- 
pulcralen bildern der schmückung eines grabes oder Verehr- 
ung eines todten; nie findet er sich etwa auf griechischen 
grabsteinen vorrömischer zeit. **) Eros ist vielmehr auf un- 



*) Dem jouischen capito" das oft als sitz dient, bei Eros wie bei 
den übrigen, kann man keinen sepulcralen bezug beimessen, 
da es neben andern sesseln in scenen des gewöhnlichen lebens 
vorkömmt (z. b. üerh. Mystb. 8; 5.) 

» 

**) Philol. 17 1. 1, 3 = D. a. K. 2, 704ist die inschrift eowxt ovquv 
gefälscht und nach Conze eine Sirene dargestellt (Conze über 
griech. grabrel. p. 12 ff). 



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65 



sern bildern zwar der bedeutung nach verallgemeinert , im 
wesen aber noch der alte. Erst in römischer zeit schuf man, 
in Athen nicht minder als in Rom, einen seligen schwärm 
von Eroten vorbildlich für das leben im jenseits , ja man 
identificirte die verstorbnen (namentlich kinder) mit solchen 
Eroten; doch diese anwendung basirt ganz auf jener rein 
persönlich vermenschlichten anschauung des Eros, die den 
Vasen noch fremd ist 

3. Eros allem. 

In lichteren regionen befinden wir uns wieder den meist 
anmutigen gefässen gegenüber, die den gott der liebe und 
Schönheit allein zu ihrer decoration wählen. 

Zuerst die falle, wo man ihn durch attribute oder son- 
stige Verbindungen seinem wesen gemäss zu characterisiren 
suchte : etwas strengeren stils scheint noch Neapel R. C. 164 
zu sein, wo er mit fackel (?) und reifen hinfliegt: xaAof. 
Voll grazie stimmt er die leier, indem das mit seinem wesen 
verbundene attribut zu einer individuell momentanen hand- 
lung verbunden ist (Compte r. 1869, 4, 10). Mit schale und 
leier schwebend zeigt ihn ein attischer lekythos (Dumont 
peint. cer. de la Grece propre p. 40, no. 4). Er verfolgt 
oder beobachtet die hasen ; *) er fährt auf schwanengespann 
oder spielt mit dem schwane und reitet auf ihm**) ; er flötet 
auf dem delphine (Neap. R. C. 123); überhaupt pflegt auch 
Eros, wie alle götter, gerne auf den ihm verwandten tieren 
zu reiten, so auf dem reh***), auf dem hirschf ), dem pferd 

*) Jnghir. v. f. 201; cat. Beugnot 9; Jatta 1421, 1550. 

**) Dubois-Mttis. 71, 2; Petersb. 1077; Neap. S. A 459; Jatta 
1396; Neap. 1757; einen vogel futternd Jatta 1312; schwebend 
mit vogel und zweig Dumont peint ce>. p. 40 n° 7. 

***) Steckelberg 28, cf. Steph. CR. 1863, 158, Durand 50 spielt 
er mit ihm. 

f) Tischbein 4, 7; Berlin 903; reh und gana sind neben ihm 
Arch. z. 1851, 32. 

Dr. A. Furtwingler, Eros. 5 



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66 



(Miliin 2, 59, cf. das relief Stackelb. 56) und auf der ziege 
(Beugnot 195), welche Verbindung aber erst in spätrer kunst 
häufiger wird (vgl. Stephani CR. 1863, p. 155 und 1869, 
p. 88). Auf sein dionysisches wesen bezieht es sich , wenn 
Eros das tympanon schlägt (Petersb. 1622) oder flötet (Du- 
rand 48), oder mit einem tierfelle über dem arme tanzt 
(Neap. 8. A. 683, sonst Jatta 1370, 1375); auch auf eine 
ithyphalli8che herme fliegt Eros zu (Arch. z. 1871, p. 57, 
66 ; Wien III, 11 ; Gerh. Ak. abh. 64, 4). 

Sehr anziehend in ihrer anspruchslosigkeit sind einige 
bilder jener kleinen lekythen (cf. Steph. CR. 1863, 144) 
welche ihre darstellungen ausschliesslich aus dem frauen- 
und kinderleben wählen und denen daher auch Eros, der 
beschützer des frauenlebens, nicht fremd ist; sie behandeln 
ihn, der kleinheit des gefässes entsprechend, in anmutig de- 
corativer, meist kindlicher art; die Zeichnung ist frei und 
schön aber flüchtig. 

Eros liebt seiner natur nach blumen und Vegetation (cf. 
Alkman fr. 29; Plat. symp. 196 B ov av evavSjf rojiof 
ivxaCSa Kai f£a), drum kniet er auf blumen oder schwebt 
in oder vor ranken (Neap. 1757, 2259, 3056, Münch. 236). 
Noch öfter kauert er am boden und streckt die hände nach 
einer ranke aus, um mit ihr zu spielen. *) Es bedarf wol 
kaum einer ernstlichen Widerlegung, wenn Heydemann ver- 
mutet, dies motiv des kauernden Eros müsse auf eine be- 
rühmte statue zurückgehen; denn gerade dies motiv ist so 
recht für diese lekythen erfunden (wie es auf denselben auch 
für kinder gebraucht wird z. b. Heydemann t. 12, 5) und 
statuarisch ausgeführt wäre es sinnlos. 

Noch sonst öfter schwebt oder geht Eros auf diesen 
gefässen spielend oder eine schale haltend (Compte r. 1863, 



*) Münch. 266; Heydem. gr. Vb. t. 10, 3 u. 4, hilfst, n 9 u. 10; 
p. 10 a. 6 noch zwei beispiele aus Athen; Jatta 752, 772, 
902. Durand 45, 52, 56; Rossi vasi Blacas 14 p. 44, dass er 
weine sieht Rossi wol nur seiner schonen erklärung zu lfebe. 



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67 



2, 29; Brit. raus. 774, C 42; Berlin 1685, 1844), ja er 
kriecht ganz wie die kinder auf dem boden nach einem vö- 
gelchen haschend (Heydem. gr. Vb. t. 10, 5). 

Ist hier die kindliche auffassung durch die gefassgattung 
bedingt, so tritt anderswo wieder mehr das wesen des Eros 
hervor: er schwebt langlockig dahin mit kanne und schale *), 
mit kränz oder tänie**) oder er hält die strigilis, die ja auch 
frauen mitunter zukömmt (Brit. Mus. C 15; Petersb. 1178). 
Seltner ist das thymiaterion , das im dienste der Aphrodite 
besondere Verwendung fand, er trägt es schwebend Biardot 
terres cuites fun. 48. ***) 

AeusBerst häufig benutzt aber die weichliche unteritalische 
maierei einen einzelnen Eros zur decoration und zwar meist 
mit den schon oben erwähnten attributen allgemeinen cha- 
racters ausgerüstet, die wir auch in händen der frauen und 
jünglinge so oft finden, z. b. noch ohne attribute, im schmuck 
Laborde 2, 42, Hancarv. 2, 35, 79; kauernd mit korb und 
Spiegel Moses vas. Engl. 30, mit zweig und schale etc. Du- 
bois-Mais. 7, 3, 85 ; Münch. 835, 831, 818; Inghir. v. f. 66, 
Tischb. 3, 36; Hancarv. 4, 69 (auch schirm neben kästchen 
und traube); Gargiulo rec. 2, 20; muster des überladnen 
sind : Petersb. 1076 auf felsen mit perlenputz und kästen, 
fächer, zwei schalen und einer anlehnenden fackel; oder 
Neapel 3437: mit tympanon, Spiegel, kränz und kästen lehnt 
er reichgeschmückt am luterion , am boden noch ein 
fächer !f) 

Sehr auffallend muss es erscheinen, dassdieuns aus an- 
dern monumentenkreisen so bekannte Vorstellung von meh- 

*) München 300; Hancarv. 3, 45; Berlin 2003; Durand 49 
Campana sor. 11, 38. 
**) Heydem. gr. Vb. p. 2 n° 1 ; Brit. mus. 992, 956 ; Berlin 819. 
***) in fabelhaftester polychromio abgebildet, wie überhaupt dieses 
werk oft alles bisher dagewesene übertrifft, 
t) Was es hoisen soll, wenn Eros mit thyrsoß von dem sitzenden 
Hermes weggeht (Petersb. 1138 verfall) weiss ich nicht; Eros 
mit thyrsus ullein sitzend Neapel 89j. 

5» 




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68 



reren unter sich zum spiel versammelten Eroten der Vasen- 
malerei durchaus fremd ist , obwol sie ja gerade hier die 
anmutigsten motive zur decoration hätte finden können; aber 
immer ist Eros entweder in beziehung zu andern wesen oder 
allein; man führe nicht etwa an München 805, wo eben 
Aphrodite als mittelpunkt und herrscherin der Eroten er- 
scheint, wie sie auch Neapel 2901 beim spiele zweier Eroten 
gegenwärtig ist ; gewiss sehr spät ist Berlin 2006, wo jedoch 
nur eine äusserliche Zusammenstellung mehrerer der sonst 
gewöhnlichen einzel-Eroten mit ihren attributen sich findet, 
ornamental in pflanzengewinde ; ähnlich ist es mit Petersb. 
926,*) wo in ranken vier Eroten und ebensoviel schwäne 
nach entgegengesetzter richtung schweben , also auch keine 
handlung und nur vervielfachte einzel-Eroten. **) 

Nun finden wir aber die hier vermissten Vorstellungen auf 
einigen ungleich spätem***) polychromen und reliefgefassen, 
die mit der Vasenmalerei gar nichts zu tun haben (dennoch 
citirt Heibig unters, p. 237 einiges, um auf den historischen 
Charakter der Vasenmalerei selbst Schlüsse zu tun). Wir 
haben hier wettfahrende Eroten mit den römischen circus- 
mützen der aurigae (Ann. d. J. 1871, A; Mus. Greg. II, 
101; Petersb. 1767), sie fahren mit panthern greifen löwen 
bocken etc. (Mus. Borb. 3, 46; BulL d. J. 1840, 55); Ero- 
ten blasen syrinx, umarmen oder tummeln sich umher (Bull, 
d. J. 1864, 137; Petersb. 868; Panofka terrae. 63; Mus. 
Greg. 2; 102 mit Psychen?). 

Nicht nur die darstellungen, sondern auch die äussere 
erscheinung der Eroten ist eine wesentlich verschiedne von 

*) und auch Durand 53 „deux Amours volent a la rencontre 
Tun de l'autre" — ob auf beide Seiten der Vase verteilt ? 

**) Was von Lenormant coli. Raif6 1341 zu halten sei, kann 
nach der beschreibung nicht entschieden werden, ist doch nicht 
einmal gesagt, ob der angebliche Eros und Anteros „sous 
traits d'enfants« 1 auch geflügelt seien. 

***) sie werden in's 2. jhh. v. Chr. gesetzt, also in eine zeit, wo 
die Vasenmalerei im verlöschen war. 



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69 

der auf Vasenbildern ;*) es ist somit klar, dass wir hier zwei 
vollständig getrennte auffassungen des Eros auf den Produk- 
ten des handwerks antreffen; ein wesentlicher Um- 
schwung, ein neuer mächtger einfluss muss gewirkt ha- 
ben, um den schroffen gegensatz jener bilder zu der Vasen- 
malerei hervorzubringen. Welches diese umgestaltende macht 
war, ist nicht schwer zu beantworten: die oben citirten Vor- 
stellungen sind nemlich dieselben, wie sie aus campanischen 
Wandbildern und spätem reliefs so bekannt sind; gehn aber 
erstere auf alexandrinische originale zurück, wie Heibig er- 
wiesen hat, so ist damit auch festgestellt, dass es eben der 
Hellenismus ist, dessen neugestaltende macht jene späten 
produkte bedingt, während die Vasenmalerei von ihm noch 
unberührt ist. Dass auch andre gesichtspunkte zu diesem 
sich hier von selbst ergebenden resultate führen, wird sich 
unten zeigen. — Ein einzelner Eros der Vasenmaler ist nie 
in einer ausserhalb seines wosens hegenden handlung dar- 
gestellt und nicht die handlung, sondern das begrifflich my- 
thologische wesen des gottes bildet das Hauptinteresse; wenn 
dagegen mehrere Eroten wettfahren im circus, so hat das 
mit ihrem begriffe gar nichts mehr zu tun und das interesso 
liegt nur in der rein menschlichen handlung die von Eroten- 
kindern getragen erscheint : diese entwicklung blieb der Va- 
senmalerei fremd. . 



) Als Zwischenstufe mögen jene bilder mit lateinischen inschriften 
gelten (bei Ritsehl pr. lat. mon. t. 10 u. 11; Buppl. V, B), 
die meist einen einzelnen Eros zeigen, in der gesammtauf- 
fassung noch den unteritalischen Widern entsprechend, nur 
dass die kindurgestalt und die kleinen flügel u. ä. deutlich 
den wachsenden einfluss des alexandrin ischen Eros bekunden, 
der dann in jenen reliefvasen vollständig zum durchbruch 
gekommen ist. Damit stimmt wol überein, dass obige gefässe 
ende 5. Jhh. a. u. c. entstanden, wie die inschriften beweisen ; 
doch gehören auch einige gefässe derselben technik ohne 
inschr. hieher, z. b. eines im Münohner Antiquarium. 



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Bückblick. 

Ueber8chauen wir das vorkommen des Eros auf den 
behandelten bildem, so verlangt zunächst sein äussres auf- 
treten nähere betrachtung. 



d) Erscheinung. 

Was zunächst die körperliche grosse des Eros betrifft, 
so richtet sich diese im allgemeinen ganz nach künstleri- 
schen gründen. Realistische kinderbildung ist der Vasenma- 
lerei überhaupt fremd, wenn man jene kleinen gefasse mit 
kinderdarstellungen ausnimmt; es handelt sich daher nur 
um verkleinerte oder vergrößerte mellephebengestalt. Doch 
zeigt sich gerade bei den noch strengeren bildem und auf 
den attischen produkten eine Vorliebe für kleine und zier- 
liche bildung, während die unteritalischen gefässe meist der 
grösseren gestalt den Vorzug geben. Als norm gilt aber 
überall, dass er, wenn heranschwebend oder sonst unterge- 
ordnet, kleiner, wenn auf gleichem fusse mit den übrigen 
personen, grösser dargestellt wird. So sehen wir ohne un- 
terschied der bedeutung auf einem und demselben bilö^ die 
grosse sehr wechseln, aus rein künstlerischen gründen (z. b 
Laborde 1, 47; München 827; Berlin 880 B). 

Eine wesentliche erweitcrung in den attributen bringt 
die Verbindung mit Dionysos: zu den gewöhnlichen, dem 
kränz, der tänie, schale, zweig und der seltneren leier ge- 
sellt sich die doppelflöte, das tympanon, krotalen, traube und 
manchmal auch die fackel, letztere jedoch nur in den spä- 
teren unteritalischen bildem ; denn Neapel R. C. 164, wo 
die inschrift auf ältre zeit weist, ist vielleicht nur ein stab 
gemeint*), worüber nur autopsie entscheiden könnte, und 
Compte r. 1861, 5, 2 sind es die hochzeitsfackeln, wie sie 



') die Zeichnung soll sehr flüchtig sein. 



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wol auch Neapel 2541 zu fassen sind. Demnach bleiben nur 
die unteritalischen bilder, wo die Verbindung mit bakchi- 
schen attributen deutlich darauf hinweist, dass auch sie die- 
sem kreise entnommen sei ; so reitet er auf einem Silen und 
hält die fackel (Miliin v. p. 1, 20), sonst nur in den gewöhn- 
lichen apulischen verfallbildern mit den bakchischen frauen;*) 
öfter hält er sie auch allein oder liegt neben ihm**); Ger- 
hard trinksch. u. gef. Gr halten die Aphrodite tragenden Ero- 
ten fackel und eimer, und endlich hält er sie brennend in 
einer grösseren, zwar unklaren, aber sicher bakchischen scene 
(Neapel 3252 B unten). Einen charakteristischen gebrauch 
macht Eros nirgends von der fackel, nirgends eine andeu- 
tung dass er liebe mit ihr entzünde; überall vielmehr ist sie 
ihm ganz accessorisch, wie ein andres attribut des dionysi- 
schen kreises, beigegeben: auch hier ein scharfer gegensatz 
zu alexandrinischer poesieund kunst, die ja den knaben, der 
überall mit seiner fackel üebesfeuer entzündet, nicht genug 
zu preisen weiss. 

Ein ähnliches uns aus der spätem tradition sehr geläufiges, 
auf Vasen noch seltnes attribut ist der bogen; mir sind 
nur folgende beispiele bekannt geworden, die alle der spä- 
tem unteritalischen maierei angehören : er schiesst die liebes- 
pfeile auf ein mädchen ab auf drei Vasen (Tischbein 3, 39 ; 
Pctersb. 1181; Jatta 1417), auch allein schiesst er den bo- 
gen ab (Gerh. Apul. Vb. B, 1 lebendig schön mit bezug auf 
die hauptseite, ähnlich Ann. d. J. 1831, D, 1; auf eine taube 
Neapel S. A. 403) oder spannt ihn (Berlin 2006); Eros mit 
bogen ist Dionysos gegenüber gestellt (Neapel 824) und hält 
auf dem Silen reitend dies geschoss (Miliin v. p. 1, 20). Auf 
der Phthonos-Vase (Arch. z. 1867, 220) sind bogen und 
pfeile offenbar der starken und unheilvollen Wirkung des 

*) Gerh. Mystb. 3, 4 wo er fackel und tympanon hält; Neapel 
1805, S A. 480; Bull. d. J. 18G6, 212, 3; Berlin 1186 B. 
**) Petersb. 1661; Neapel 8. A. 613; 1757; Lenormant ooll. 
Ratffi 1417 flötet er und hält die bakchisehe fackel; Berlin 
785, 907; Petersb. 1161, 1076. 



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72 



Eros wegen gewählt, der hier ein junges leben getödtefc hat 
(wenn sie nicht, was mir wahrscheinlicher, der Aphrodite 
gehören im anschluss an Euripideische tradition). 

Nachdem einmal die alexandrinische poesie und kunst 
den mutwilligen knaben mit dem bogen so unzählige male 
gefeiert hatte, beherrschten diese Vorstellungen alle folgezeit 
und noch heute ist ja Eros als bogenschütze der populärste 
gott; wenn nun, wie man annimmt, die spätre Vasenmalerei 
von alexandrinischer anschauung bedingt ist, so wäre es 
ein geradezu unerklärliches factum, dass Eros mit dem bo- 
gen hier so äusserst selten ist. Ueberraschend leicht löst 
sich aber das problem, wenn wir die voralexandrinische tra- 
dition zu gründe legen. 

Dass der bogen als attribut des Eros erst zu ende des 
5. jhh. in der poesie sich allmälig festsetzte, sahen wir be- 
reits oben, und damit stimmt überein, was wir von der kunst 
wissen ;. denn keiner der Phidiasischen Eroten hat dies attri- 
but. Noch Zeuxis malt ol. 88 den Eros ohne attribute, nur 
rosenbekränzt (würde man diese nebensache angeführt ha- 
ben, wenn er sonst ein bezeichnendes attribut gehabt hätte?), 
derselbe scheint auf die Zeitgenossen gleichwol von nicht ge- 
ringer Wirkung gewesen zu sein, da man ihn sich so am 
liebsten vorstellte (Aristoph. Ach. 991). So wagt man es 
erst im 4. jhh. dem Eros den bogen zu verleihen : wahr- 
scheinlich trug ihn Praxiteles thespischer Eros *) und der bei 
Callistr. 3 beschriebne Eros des Praxiteles hielt den bogen 
in die luft und schien sich erheben zu wollen ; dagegen war 
der Eros inParion von demselben meister wieder ganz ohne 
attribute (vgl. die münze bei Bursian Jenaer lect. cat. 

*) wohl schlaff als stütze, etwa wie ihn daB schöne Pompejanische 
relief zeigt (Mus. Borb. II, 53); sehr mit unrecht wollte Engel- 
mann (Arch. z. 1868, 38) ihn zu einem bogenspanner machen; 
denn ovxhi heisst bekanntlich „nicht mehr" und armto/mt 
„etwas unverwandt anblicken," was doch von einem suchenden 
schweifenden blicke sehr verschieden; der bogenspanner da- 
gegen gehört Lysippischer richtung an. . 



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73 



sommer 1873): Pausiaa endlich um ol. 100 malt den 
Eros, wie er bogen undpfeile wegwerfend nach der leier greift. 
Solche taten der grossen kunst wirken aber bekanntlich auf 
das h and werk sehr langsam, und überhaupt scheint, wenn 
wir die literatur betrachten, der bogen des Eros im 4. jhh. 
noch nicht sehr populär gewesen zu sein; wenigstens er- 
wähnen ihn die reichlichen fragmente der komiker , so sehr 
sie sonst Eros preisen, niemals. Vortrefflich stimmen diese 
tatsachen alle mit der Seltenheit des bogens auf den Vasen 
überein und auch hier tritt uns wieder der ganze gegensatz 
der Vasenmalerei einerseits, die auf der tradition des 4. jhh. 
ruht und der hellenistischen anschauung andrerseits , wo 
Eros kaum mehr denkbar ist ohne bogen, in voller schärfe 
entgegen. 

Von andern attributen sind noch nennenswert der stab, 
er ist wol das nivrpov der dichter, das seit Euripides dem 
Eros öfter beigelegt wird; nur einmal macht er charakteri- 
stischen gebrauch davon, indem er die leidenschaft des ken- 
tauren anstachelt (Ant. du Bosph. 53), sonst hat er ihn blos 
als attribut.*) 

Mit dem zunehmenden verfalle steigert sich auch die 
menge der atfcribute immer mehr: aus dem aphrodisisch-dio- 
nysischen kreise sind zu nennen: das liebeszauberrädchen 
(Jahn ber. d. sächs.-ges. 1854, 256) **), der vogel, der spiegel, 
das alabastron, fächer, schirm und leiterchen (s. bs. Ann. d. 
J. 1869, Q wo Eros es hält und eine frau dazu flötet). In 
der unteritalischcn Verfallsperiode endlich wird, wie wir 
oben sahen, Eros mit allem möglichen überhäuft. Als aus- 
nahmen seien noch einige fälle erwähnt, wo Eros auf einem 
delphin vorkömmt, ein motiv das in der späteren kunst 
sehr häufig wurde und wol aus der eigenschaft des dclphins, 
alle schönen knaben zu lieben (cf. Stcph. CR. 1864, 207— 

•) Millingen div. 41; Laborde 1, 80; Dubois-Maia. 42 ; Compte r. 

1865, 102; Neap. 771; Petersb. 1196, wo auch Peitho (?) 

das Stäbchen hält; Berlin 1056. 
*) z. b. Compte r. 1862, 1,1; 1863, 5, 2; Ann. d. J. 1852, Q. ff. 



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74 



215) auf Eros übertragen wurde , da dieser auch mit dem 
meere und den Nereiden nähere beziehungen einging. *) 

Einen ungeflügelten Eros hatten wir schon auf der Tha- 
myris-Vase, wo, wie Michaelis richtig bemerkt, nur die Stell- 
ung daran schuld ist; eine unmotivirte absonderlichkeit da- 
gegen ist der ungeflügelte Eros Elite 4, 68 = Petersb. 1188. 
Im allgemeinen glaube ich sagen zu dürfen, dass flügellosig- 
keit als solche nie intendirt worden ist; denn wo sie statt- 
findet, da ist es entweder nicht mehr der reine Eros, wie 
auf den attischen Sarkophagen**), wo wol die Identification 
mit den verstorbnen grund der nichtbeflügelung war, oder 
es sind concessionen aller art durch bequemlichkeit oder 
nachlässigkeit verursacht, wie so häufig auf den römischen 
reliefs (dagegen nie auf den Wandbildern , wo die flügel 
eben immer leicht auszuführen waren); damit stimmt überein, 
dass die poesie bis in die spätesten zeiten nicht müde wird 
gerade die beflügelung an Eros als etwas wesentliches her- 
vorzuheben.***) 

Noch eine absonderlichkeit ist ein Eros mit flügelschuhen 
(Tetersb. 1299), der vor zwei liebenden auf einem thymia- 
terion opfert, es ist offenbar eine komische nachbildung des 
götterboten Hermes, wie ähnlich Pan mit flügelschuhen vor- 
kömmt (Neapel 2541). 

Mit der zunehmenden Weichlichkeit in der ganzen auf- 
fassungf) begann man auch demselben Eros T den eine 

*) Passeri 42 (cf. Steph. CR 1864, 223) ; Neapel R. C. 123 ; 
3252 mit dreizacle; 2845; Wien V, 11 neben Aphrodite. 
**) z. b. Arch. z. 1869, 19; 1872, 59; Stephani ausr. Her. II. 
***) Der sog. Eros aus Athen Clarao 650 D, 1478 D ist sicher 
keiner, nicht nur wogen der flügellosigkeit, sondern auch wogen 
der für Eros viel zu schlanken Proportionen, die auf einen 
jugendlichen Apollo weisen, vgl. z. b. Clar. 478, 915. — Der 
knabe auf dem späten silberdisk Archaeologia bd. 34, 21 ist 
sicher auch keiu Eros, wie noehStephuni annimmt (doch auch 
der Guide to the br. r. p. 43, 32 nennt ihn nur boy). 
f) vgl. über die Umbildung des männlichen Schönheitsideals 
Heibig unters, p. 258. 



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75 



frühere zeit hatte bewaffnet darstellen können, weiblichen 
haarputz zu erteilen und zwar ist dies im unteritalischen 
stile die regel ; dass es jedoch schon der feinsten attischen 
maierei nicht fremd war zeigt Compte r. 1861, 5, 1 (auch 
auf einer schönen kilikischen münze hat er weibliches haar : 
Ann. d. J. 1847, D, 4). Dass man jedoch keine bedeutung 
darein legte und es nur ein künstlerischer brauch war, um 
den Eros aßpon6iJ.T)< (Anth. Gr. 2, 66, 1; Nonnos 13, 456 
und oft) zu charakterisiren, zeigen fälle, wo unter mehreren 
sonst gleichbedeutenden Eroten der eine männliches, der an- 
dere weibliches haar hat (z. b. Compte r. 1861» 1; Labordo 
I, p. 31; Elite 3, 30; 4, 19\ Andrerseits kömmt auch noch 
im apulischen verfallstile männliches haar vor (z. b. Bull. 
Nap. 2, 4; Ann. d. J. 1865, E; Elite 4, 36). Sehr häufig 
trägt Eros schuhe QdßpombiXo^ Anth. Gr. 1, 9, 21) 
und gewöhnlich fügt die unteritalische maierei reichen per- 
lenschmuck um arme brüst und beine, sowie oft eine haube 
hinzu. 

Auch eine strahlenkrone wird Eros mitunter verliehen 
zur betonüng seiner göttlichen herrlichkeit (schon Compte r. 
1861, 1; 1862, 1, 3; Hancarv. 1, 40; Arch. z. 1855, 84; La- 
borde 1, 5). Nahe verwandt und vielleicht nur mit der 
strahlenkrone verwechselt ist der geflochtne kalathos, den er 
einige male trägt (Ant. du Bosph. 53 cf. Steph. CR. 1865, 
65; auf einer attischen Vase Arch. anz. 1856, 244). 

Ist zwar nacktheit für Eros die regel , so kömmt doch 
eine kleine chlamys als malerische zutat, nicht als kleidungsstück, 
ziemlich früh vor: schon am Parthenonfriese trägt er ein 
solches kleines gewand und auch auf der noch strengeren 
Vase Bull. d. J. 1867, 231 ; häufig wird esjedoch erst im eigentlich 
malerischen stil, wo er es meist an einem arme hängen hat*). 



*) z. b. Laborde 2 suppl 6, ib. 1, 80; Compte r. 1865, 102, 
wie oft auf den ähnlichen attischen gofassen ; ib. 1860, 2, 1; 
Ann. d. J. 1866 CD.; Jnghir. v. f. 343; Tischb. 3, 25; Mim. 
Blacas 22, 1; Hancarv. 1, 66; 4, 98 etc. 



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Noch viel häufiger sitzt er auf dem gewande, besonders in 
den apulischen verfall bildern. 

Besonders charakteristische Stellungen sind für Eros 
nicht angewendet worden; doch mag erwähnung finden, 
dass das höher aufstützen eines beines, ein motiv das in die 
plastik wol erst durch Lysipp, in die maierei wol schon früher 
eingeführt ward, in der periode des malerischen stils, wie 
für andre (bsd. Hermes) so auch für Eros oft verwendet 
wurde. *) 

Demnächst lohnt es sich auf die art derhandlungen des 
Eros einen blick zu werfen ; hier treffen wir eine fülle von 
Symbolen die seinem wesen entsprechen; das in der ganzen 
Vasenmalerei weitaus beliebteste und häufigste bleibt das 
alte symbol des kränz oder täniebringens , ein zeichen wie 
sehr die begriffliche auffassung die vorwiegende ist. Die 
stelle des seltnen bogenschiessens vertritt das verfolgen, 
herantreten und umarmen, alles nicht eigentlich realistische 
handlungen sondern psychologische Symbole. Als schönheits- 
verleiher giesst er sein alabastron aus oder füllt dasselbe 
neu. Den liebeszug führt er an oder schwebt über dem 
paare. Seltner sind die falle wo Eros als person activ ein- 
greift, aber auch dann immer seinem begrifflichen wesen 
entsprechend, wie wenn er den stier vor Europa niederdrückt 
oder zur liebe auffordert, überredend anfeuert, wenn er als 
liebesbote fungirt, wenn er den frauen bei der toilette hilft 
oder mit ihnen spielt. Aus seinem wesen und character ist 
es ferner abgeleitet, wenn er sich mit hase, schwan oder 
blumenranken abgibt, ausnahmen sind falle wie die alla 
morra spielenden oder der mit dem kinderwägelchen, hand- 
lungen, die mit Eros blos deshalb verbunden werden können 
weil er eben jung ist; anders ist es wieder, wenn er flötet 
oder das tympanon schlägt, wo sein dionysischer Charakter 



*) z. b. Bull. Nap. 3, 13 ; Mon. d. J. 4, 43 ; Mus. Borb. 7, 8, 2 ; 
Fröhner mus. de Fr. 13, 4; Neapel 843, 3218, 3248, 2375, 
2396, 2257, 3220, 8. A. 406, 362, 305, Jatta 1445 ; Petersb. 784. 



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77 



zu gründe liegt. In der spätem lokern compositionsweise 
endlich, wo die figuren nur zusammengestellt sind, ohne zu- 
sammen zu wirken, wo die centralisationskraft fehlt, da 
sucht man gerne auch für Eros nach kleinen genremotiven, 
wie er sich denn in der schale seiner mutter spiegelt, einen 
schwan tränkt oder mit einem vögelchen spielt in grössern 
compositionen. 

b) Bedeutung und verkältniss zur alexandrinischen 

Jcunst. 

Wenden wir uns von dem äusserlichen auftreten zu der 
Verwendung und geistigen bedeutung des Eros, so tritt un- 
sere periode gleich in einen scharfen gegensatz zu der vo- 
rigen : während die ältre zeit es noch nicht wagte , Eros 
frei ohne mythische begründung blos der psychologischen 
motivirung wegen in eine mythologische handlung zu ver- 
flechten, so geschieht dies in unsrer periode im ausgedehn- 
testen masse und während jene zeit nur in den allgemeinen 
scenen des täglichen lebens Eros als Stimmungsausdruck ver- 
wandte, so beraubt unsre periode auch die mythologischen 
Handlungen ihrer Individualität und macht allgemein mensch- 
liche Vorgänge daraus. Denn man begnügt sich nicht mehr 
mit Schilderung der äusserlich in die sinne fallenden erschei- 
nung, man verlangt zu wissen, was diese götter und heroen 
innerlich treibt. So setzt man denn Eros und oft auch 
Aphrodite frei hinzu, um die liebesabenteuer zu motiviren; 
so geschah es bei Peleus und Thetis kämpf, bei den ge- 
schienten der Jo, der Europa und Amymone, des Pelops, 
der Medea u. 8. f., selbst beim Parisurteile wird allmälig 
das mythische zersetzt und tritt der allgemeine inhalt: ein 
jüngling der in die netze der hebe fällt, immer klarer 
hervor. 

Dieser durchaus veränderte Standpunkt, die neue psy- 
chologische fassung der mythen, diese tatsache von weit- 



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78 



greifender bedeutung verlangt eine begründung aus dem 
geiste der zeit: wir finden sie in dem literaturzweige, der 
die anschauung von den mythen in dieser periode durch 
und durch beherrscht — in der tragödie. Nachdem die 
alte zeit, deren geist im epos lebt, die äusserliche möglichst 
individuelle und wunderbare gestalt der sagen ausgebildet 
hatte, trat später immer mehr d'e richtung aufs innere her- 
vor, es kam die zeit des dramas; denn die tragödie stellt 
nicht äussere handlung dar, sondern sie zeigt das innere 
seelische werden einer handlang, sie zeigt die Stimmungen, 
die seelenkämpfe des menschen, aus denen die äussere hand- 
lung ausfliesst; diese aufgäbe, welche der tragödie mit der 
zeit immer klarer wurde, verlangte nun aber eine vollstän- 
dige um- und neubildung der mythen, denn von jedem Vor- 
gang musste nun die psychologische entstehung klar vor 
äugen gelegt werden, das unnatürlich unmenschlich wunder- 
bare der mythen ward drum- der feind des dramas und die 
geschiente der tragödie ist eine geschichte des kampfes ge- 
gen die fesseln der sage. Bald wurden nun alle mythen 
in's allgemein menschliche verarbeitet und der allgemeine 
gedanke bohrte sich immer tiefer in den äusseren sagen- 
stoff. Vor allem aber war es die tragödie des Euripides, 
welche die psychologisch-pathologische seite überall hervor- 
kehrte und die sage durch allgemeine reflexion zersetzte, 
und sie hatte den nachhaltigsten einfluss auf seine wie die 
folgende zeit. 

Es konnte nun Dicht fehlen, dass diese allmälig sich bil- 
dende neue grundauffassung der tradition, der ja noch man- 
ches andre parallel geht, wie die Verschiedenheit in der ge- 
8chicht8auffas8ung zwischen Herodot und Thukydides oder 
wie die wendung der gleichzeitigen philosophie nach der 
psychologischen seite, es konnte nicht fehlen dass dieser neue 
Zeitgeist auch auf die kunst seine mächtige Wirkung übte. 
Im handwerk freilich konnte sich diese erst zeigen, nachdem 
bereits alle kreise davon durchzogen waren. Gehören daher 
unsre Vasenbilder des malerischen stils auch erst viel späte- 



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79 

ren jähren an, sind sie doch geistige kinder Euripideischer 
mythenauffassung. 

Diese Wirkung auf die kunst zeigt sich nun darin, dass 
auch sie die handlungen yon innen heraus zu begründen 
sucht und nach künstlerischen! ausdruck psychologischer tat- 
sachen strebt: so gelangt sie dazu, personificationcn von 
Stimmungen undaffecten in die handlung einzuführen. Wo aber 
schon passende, mehr begriffliche wesen vorlagen, da galt 
es nur, diese in jener psychologischen weise zu verwenden, 
und dies geschah sowol mit den Erinyen, die auch erst in 
dieser periode des freien stiles auftraten, als auch in erster 
linie — mit Eros. — So werden nun mit hülfe dieser frei 
in die darstellung des mythus verknüpften figuren die taten 
der götter und heroen ihres individuell wunderbaren Charak- 
ters entkleidet und ins allgemein menschliche gerückt, denn 
innerlich gefasst sind ja alle gleich. 

Ganz denselben entwicklungsgang nehmen aber auch die 
darstellungen aus dem gewöhnlichen leben, das früher in all 
seiner besonderheit aufgefasst und mit naiver freude geschil- 
dert ward: auch hier werden gewöhnliche lebensscenen zum 
ausdruck allgemeiner gedanken benutzt, auch hier personi- 
ficationcn von begriffen und Stimmungen eingeführt. 

Diese ganze richtung im grossen und allgemeinen be- 
trachtet erreicht ihren höhepunkt (der freilich dem hand- 
werk verschlossen bleiben musste) in einer composition wie 
die diabole des Apelles, wo alles wirkliche aufgelöst ist in die 
zu gründe liegenden begriffe und Stimmungen und diese zu 
echten personificationen gestaltet sind. Doch auf dieser 
schwierigen und gefahrlichen höhe der abstraktion konnte 
man sieh nicht lange halten, wenn man nicht ins geschmack- 
lose allegorisiren verfallen wollte; bald zog man es daher 
vor eine beliebige einzelhandlung zum rcpräsentanten allge- 
mein menschlicher gedanken und Stimmungen zu erheben, 
die consequente entwicklung führte — zum hellenistischen 
genre, zum mythologischen wie alltagsgenre. 

Kehren wir zu Eros zurück, so reiht sich offenbar seine 



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80 



psychologische Verwendung auf den Vasen als stimmungs- 
ausdruck ganz in jene Torhellenistische durchgangsperiode 
ein, wogegen die alexandrinische kunst (die campan. Wand- 
bilder) diese Verwendung des Eros gar nicht mehr kennt, 
denn hier ist er nie mehr personification, sondern immer 
person. 

Doch Eros ist auch söhn der Aphrodite und als solcher 
wird er selbst zu einem objekt der Vertiefung in's psycho- 
logische, ein objekt der vermenschlichung. Aus dieser an- 
schauung sind jene wenigen Vasenbilder zu erklären, die ihn 
als spielendes kind und söhn der mutter darstellen; ihre 
geringe zahl zeigt, wie es nur ansätze, nur verbindende fa- 
den sind zu jener im Hellenismus vollkommen ausgeprägten 
und herrschenden richtung, die Eros ganz zur person ver- 
menschlicht. 

Dagegen wieder ganz aus seinem begrifflichen wesen 
ist des Eros Verbindung mit Dionysos und seinem thiasos 
geschöpft, wo er als personification der ekstase, des wilden 
stürmischen Verlangens die bakchen aufstachelt und die 
müden zu neuem taumel fortreisst. Auch diese psycholo- 
gische Verwendung des Eros ist der campanischen Wandma- 
lerei fremd geblieben. 

Das ruhige sanfte gegenbild ist der Eros der mädchen, 
der ständige begleiter ihrer spiele und Unterhaltungen, die 
personification ihres anmutig liebreizenden wesens. Auch 
diesen Eros wird man vergeblich in der Wandmalerei 
suchen. *) 

Schliesslich bleibtuns noch übrig den historischenstand- 

*) Doch ist es etwas verwandtes, wenn Eros als jagdgenosse des 
Ganymed schläft (Zahn 2, 32) ; der oft wiederholte, mit einem 
mädchen (wol Aphrodite) fischende Eros (Uelb. 348-3.'>5) ist 
allegorisch zu fassen, wenigstens reden die dichter oft von 
dem herzen angelnden Eros und den netzen der Aphrodite: 
vgl. Ibykos fr. 2; Ariphr. v. 5 (Borgk p. 1260); Dikaeogenea 
fr. 1. (Nauck p. 601); Theokr. id. 27, 17; Anth. Gr. 1, 27, 
91; Nonnos 48, 286. 



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81 



punkt un8rer Vasenbilder des freien stiles näher zu fixiren. 
Während Eros in der altern kunstperiode sich ziemlich 
selbständig der poesie gegenüber stellte, so finden wir hier 
die grösste Übereinstimmung im grundcharakter : der Eros 
bei Euripides und seinen nachfolgern ist derselbe der auf 
unsern Vasen herrscht. Auf das gemeinsame symbolisch 
begriffliche wesen, auf die Übereinstimmung in erteilung der 
attribute ward schon öfter aufmerksam gemacht. Aber auch 
die vielfältige feier, die Eros bei Sophokles und namentlich 
Euripides und Menander erfährt, klingt wieder in den Va- 
senbildern, deren manche man „triumph der liebe" über- 
schreiben kann ; taten der beiden, wie die des Kadinos, wer- 
den gern aus Eros motivirt, der aber auch verderblich wir- 
ken kann, wie auf der Thamyris- und Meleager-Vase. 

Wenden wir aber von hier den vergleichenden blick 
auf alexandrinische poesie und kunst, so werden wir den 
schärfsten gegensatz finden. Da wir uns hier im Wider- 
spruch mit der gewöhnlichen ansieht und mit Heibig be- 
finden, der den Charakter des Eros auf Vasen- und Wand- 
bildern für durchaus identisch erklärt,*) so verdient der 
vergleich eine nähere ausführung. 

Weniges characteristische aus der alexandrin i- 
schen dichtung genüge, um den ganz verschiedenen 
Charakter klar zu machen: bekannt ist die scene bei 
Apollon. Rh. 3, 111, wo Eros mit Ganymed spielend ge- 
funden wird u. 8. f., er ist hier schon das reine kind, eine 
vollkommen menschliche persönlichkeit (vgl. die ähnliche scene 
bei Nonnos 33, 55 ff.; auch Callimachus dichtete wahr- 
scheinlich ganz ähnliches, cf. Dilthey de Callim. Cydippa p. 44). 

Bei Bion (id. 5) führt Aphrodite vymdxov rov "Epata 
zu einem hirten damit er musik lerne, statt dessen lehrt 



*) denn auf beiden gattungen treibt er, während götter oder 

heroen ihren erotischen neigungen nachgehen, allerlei mut- 

willen." (untersuch, p. 237). 
Dr. A. F u rtwängle r, Eros. 6 



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82 



Eros den hirten ipoorvXa : das begriffliche, der ausdruck 
der empfindung ist hier ganz aufgelöst in eine persönlich- 
menschliche handlung, eine feste Situation. Bei Moschus 
(id. 1) fordert Aphrodite alle auf, den entlaufnen buben 
Eros wieder einzufangen, also eine reine familienscene; 
darauf wird Eros character und erscheinung so beschrieben, 
dass die rein menschliche auffassung, die das begriffliche 
wesen ganz überwuchert, recht klar wird. Diese an schauungen 
sind auch die in der Anthologie herrschenden: es ist der 
kleine übermütig mächtige knabe der mit bogen und fackel 
alle seelen beherrscht, kurz der Eros der noch heute die 
populärste gestalt griechischer mythologie geblieben ist. 

Nicht zu vergessen ist, dass in dieser hellenistischen 
periode auch die Vorstellung der den menschen beglücken- 
den und quälenden liebe zu dem rein menschlich persön- 
lichen Verhältnisse des Eros und der Psyche gestaltet wurde; 
stünden die Vasen unter dem einflusse alexandrinischer denk- 
art und kunst, so wäre es unerklärlich warum diese so ge- 
fällige und leicht verwendbare erfindung von Eros und Psyche 
hier so absolut fehlte. — Und umgekehrt, wenn die cam- 
panischen Wandbilder und die spätem Vasen eine gemein- 
same grundlage haben, wie wäre es erklärlich, dass in den 
handwerkerprodukten ein Himeros und Pothos geschieden 
wird, ganz wie in der tradition des 4. jhh., während dies 
in der Wandmalerei durchaus nicht mehr geschieht,*) 
ebenso wie die hellenistische poesie leere schallworte daraus 
machte ? 

Unter den nachahmern der Alexandriner sei nur noch 

*) Noch weniger auf spätem monumenten ; doch will Förster 
(raub u. rückk. d. Pers. p. 166, cf. Ann. d. J. 1873, 90) auf 
einigen Sarkophagen, wo Eros über dem wagen der suchenden 
Demeter schwebt, Himeros oder Pothos erkennen, ohne alle 
analogie und berech tigung; offenbar ist dort der Eros ge- 
dankenlos nur wegen der genauen Symmetrie mit Plutons ge- 
spann hinzugesetzt, wie ja ähnliches auf Sarkophagen nicht 
selten is . 



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I 



83 

eine stelle Ovids erwähnt, wo (Met. 1, 452) eine rein 
persönliche beleidigung des Eros durch Apoll grund ist, 
dass er auf ihn einen liebespfeil , auf Daphne einen liebe- 
vertreibenden sendet : wenn der liebesgott auch liebe ver- 
treiben kann, so ist doch das begriffliche fast ganz ge- 
schwunden. Kurz überall das streben an stelle psy- 
chologischer begründung äusserliche mensch- 
liche handlung zu setzen. 

Durchaus dieselben anschauungen treffen wir nun aber 
in der campanischen Wandmalerei, deren Überein- 
stimmung mit alexandrinischer poesie ja Heibig trefflich 
nachgewiesen hat. Die fülle der treffenden aus Eros be- 
grifflichem wesen entspringenden symbole der Vasenmalerei 
ist vollkommen erstorben ; was man % etwa noch hieher 
rechnen könnte, wie' wenn Eros bei Narkiss die fackel löscht 
(1351 ff.), ist kalt verstandesmässig. Sonst überall ist Eros 
eben eine rein menschliche persönlichkeit und muss sich als 
solche ganz in den realismus der handlung fügen ohne 
rücksicht auf sein begriffliches wesen. 

Wenige beispiele aus mythologischen scenen mögen 
genügen: er füttert den stier der Europa (122), trägt den 
wollkorb derLeda fort (149), er weint mitAriadne (1223 ff.), 
viele Eroten, rein menschlich persönliche diener der Aphro- 
dite, sind gerührt oder helfen eifrigst dem wunden Adonis 
(332 — 340, ganz wie bei ßion id. 1, 80 ff.), er deckt die ge- 
wänder der Ariadne (1235 ff.) und Chloris (974) auf, ebenso 
die des Priap (1140), er zieht die kleider ab von Daphne 
(209, cf. Arch. zt. 1869, 21), sie tragen keule und köcher 
des Herakles weg (1137 ff.) und suchen heim und schwert 
des Ares anzulegen (319 ff.); ein mutwilliger Eros wird ge- 
fesselt der mutter zugeführt zur bestrafung und von einem 
bruder noch verspottet (826); ganz im Charakter einer kind- 
lichen Übung misst er sich im ringen mit einem Panisk 
(404 ff.); Eroten werden wie vögel verkauft (824); liebende 
pflegen sich Vogelnester zu schenken, ein witziger aberkalt- 
alexandrinischer gedanke, nun Eroten ins nest zu setzen 

6* 



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84 



(821 ff., wo natürlich alle pointe Yerloren geht wenn man 
mit Dilthey Bull. d. J. 1871 , 250 Aphrodite [und Adonis 
sieht;. Denselben Charakter tragen ferner bilder bei den Phi- 
lostraten, die demnach der hellenistischen entwicklung an- 
gehören: ganz mit Apollon. Rh. stimmt jun. 8; II, 30 zün- 
det Eros den Scheiterhaufen der Euadne an, 1, 29 ent- 
fesselt er ermattet und keuchend Andromeda ; noch deut- 
licher stellt sich das rein menschliche dasein neben das be- 
griffliche, wenn er (jun. 9) trauernd die axe am wagen des 
Oinomao8 einschneidet; viele Eroten endlich helfen dem 
Dädalus zimmern und sägen für die liebende Pasiphae 

(I, 16). 

Dies alles sind motive, die in der Vasenmalerei geradezu 
unmöglich wären, weil hier überall an stelle psychologisch 
begrifflichen Stimmungsausdrucks durch symbole realistische 
menschliche handlung getreten ist. 

Den schroffsten gegensatz bieten aber jene zahlreichen 
bilder aus dem leben und treiben der Eroten unter 
sich: selten liegen gewisse mythologische bezüge noch zu 
gründe, was als anfang dieser reihe zu betrachten ist, wie 
wenn sie hasen jagen (807 , 809 , 810) oder mit schwänen 
(785, Philostr. I, 9), mit delphinen (786, Arch. z. 1873, 3) 
und panthern (595) fahren, oder wenn sie äpfel sammeln, 
wie beiPhilostr. 1, 6, wo aber noch andre züge beigemischt 
und, wie immer, das ganze in rein menschliche handlung 
verarbeitet ist (cf. Brunn Phil. 1, 282). Sonst sind die Eroten 
überall geradezu ein künstlerisches freigut geworden , mit 
dem sich alles machen liess und vergeblich sucht man nach 
einem halt aus der tradition oder dem begriffe des Eros: 
nicht nur kinderspiele (753—756) sondern alle möglichen 
handlungen der wirklichen weit, wie Schauspieler (768), 
gladiatoren- (797 ff.), jagdscenen aller art (807 ff.), ja selbst 
das gewöhnlichste handwerk (804 ff.) wird von Eroten aus- 
geführt; besonders häufig feiern sie auch opfer und kultus- 
feste (769 — 78) allen möglichen gottheiten; auf dionysische 
feste jedoch lassen sich die zechenden kelternden etc. (757 ff. 



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85 



Arch. z. 1873, 3) beziehen, wo im bakchischen wesen des 
Eros ein gewisser anhält lag, der aber rein menschlich aus- 
gearbeitet wird, indem man roalistisch die handlungen der 
feste auf Eroten übertrug. Dazu gesellen sich meist noch 
Psychen, natürlich ebenfalls alles begrifflichen elements ent- 
kleidet. Ebenso ist Eros in den fast zahllosen bildern, die 
ihn allein oder kleine gruppen mehrerer darstellen, eine 
reine decorationsfigur geworden, eine folie der willkürlich- 
sten künstlerphantasien (z. b. 625 ff. als athlet , 621 ff. als 
krieger, 710 als fischer etc.) 

Kurz überall eine entwicklung, die zur notwendigen Vor- 
aussetzung hat, dass man Eros durch und durch menschlich 
persönlich fasste: und dies tat erst die alexandrinische zeit. 
Auch hierin ist Eros der jüngste der götter, denn während 
die übrigen Olympier im wesentlichen schon durch die Ho- 
merische poesie von ihrem natursubstrat losgelöst und zu 
menschen wurden, erscheint Eros bis zum Hellenismus streng 
an den begriff gekettet den er repräsentirt. An der spitze 
der neuen entwicklung steht Aetion, dessen Erotenwelt im 
bilde der Rhoxane auf die folgezeit den grössten einfluss 
hatte, wie uns die Wandbilder lehren (cf. Heibig, unters, p. 
242). Unberührt hievon gehören die Vasenbilder einer frü- 
heren geistigen entwicklung an, (wenn auch ihre ausführung 
bekanntlich später ist), wo Eros noch an den begriff gebun- 
den war. Und darin besteht eben ihr unersetzlicher wert, 
dass sie uns die noch so frische und reiche kunst des vier- 
ten jahrhunderts repräsentiren, von der uns sonst ja so we- 
nig erhalten ist, und ihrer unerschöpflichen fülle gegenüber 
müssen die hellenistischen produkte kalt erscheinen, denn 
trotz aller witzigen einfalle lassen sie kalt, der tiefere sinn 
für bedeutung und inhalt, der warme poetische hauch ist 
hier schon verschwunden. 

Unserm resultate steht aber auch von chronologischer 
seite nicht nur kein hinderniss im wege, sondern es bestätigt 
sich nur noch mehr: die schönsten und feinsten der bespro- 
chenen bilder nemlich gehören unstreitig dem 4. jhh. an, 



r 



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86 



die nächetdem besseren der ersten hälfte des 3. jhh. Dass 
aber in dieser zeit die anschauungen von Eros noch nicht 
wesentlich verschieden waren von denen des Euripides leh- 
ren die frg. der Komiker. Nun blüht die alexandrinische 
poesie bekanntlich aber erst in der letzten hälfte des drit- 
ten jahrhunderts, *) wenn sie also auf das Vasenhandwerk 
gewirkt hätte, so könnte dies erst in den späteren unterita- 
lischen produkten des Verfalls ersichtlich sein; hier dürften 
wir demnach jenen neuen geist erwarten, der in der Alexan- 
drinischen poesie herrscht; statt dessen finden wir aber ganz 
denselben Eros, wie auf den frühern produkten, indem das 
alte nur vielfach abgeflacht, nirgends aber ein neuer geist 
erscheint. Ueberraschend tritt uns dieser dagegen in jenen 
späteren polychromen und relief- Vasen entgegen, die mit 
der Vasenmalerei ja nichts mehr zu tun haben und dem 
Alexandrinischen einflusse erlegen sind. 

Wie aber in der poesie, so bleiben auch in der kunst 
der ganzen folgezeit die vom Hellenismus entwickelten an- 
schauungen die absolut herrschenden, so auf den zahlreichen 
compositionen der Sarkophage (vgl. z< b. die Endymiondar- 
stellungen). Dieser masse gegenüber sind uns nur sehr we- 
nige relief s erhalten, die voralexandrinischen geist 
bekunden, doch genügen sie immerhin, um zu zeigen, dass 
die auffassung der Vasenbilder nicht etwa auf diese allein 
beschränkt ist. Ich rechne hieher folgende (ohne ansprach 
auf Vollständigkeit zu machen) : Ganz an einige Vasenbilder 
schlie88t sich jenes schöne Paris -relief an (Overb. Gall. 13, 
2) das seine beste beleuchtung aus einer römischen nach- 
ahmung (D. a. K. 2, 295) erhält: hier zieht Eros ganz 
als mensch gefasst den Paris herbei; dort ist es das be- 
griffliche wesen in Eros, ist es der gott der Paris zuspricht, 
hier realistisch sinnliche handlung, dort inneres geistiges le- 
ben. Ebenfalls in der symbolisch andeutenden weise der 



*) Noch bei dem etwas ältern Theokrit ist Eros nicht in jener 
charakteristischen weise ausgebildet, wie später. 



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87 



Vasenbilder sind zwei Eroten auf der herrlichen spiegelkap- 
sel Millingen anc. mon. 2, 12 verwendet, und auf einem 
flüchtigen terracottarel. (bei Roulez melanges 3 letzte taf.) 
treibt er ein liebendes paar mit der r. ermunternd an, also 
durchaus den Vasendarstellungen entsprechend. Ganz mit 
den auf den Vasen gewöhnlichen attributen, dem kästchen 
und der binde steht er zwischen Diotima und Sokrates, ohne 
handlung als gegenständ ihrer Unterhaltung, auf mehreren 
repliken (Ann. d. J. 1841, H; Mon d. J. 9, 26, 2 a u. b) 
eines Originals das gewiss im 4. jhh. erfunden ward, wo die 
Wirkung des Platonischen Symposions noch am frischesten 
war. Derselben zeit gehört eine schöne elf enb einzeich nung 
an (Compte r. 1868, 1, 13), wo Eros an das knie seiner 
mutter sich lehnt, ohne attribute, im glänze der erscheinung. 
Ferner eine herrliche spiegelkapsel (Mon. d. J. 6, 47, 6), 
wo, ganz in Euripideischem geiste, Eros alsjüngling auf ge- 
bot der mutter den bogen abschiesst. Ein in mehreren re- 
pliken erhaltnes terracottarelief *) schliesst sich ebenfalls in- 
sofern den Vasenbildern an, als Eros als das belebende zur 
wilden lust aufregende dement im thiasos später nicht mehr 
erscheint, wogegen der hier den ermatteten Silen fortreissende 
Eros sein sprechendes analogon findet an der Vase Compte 
r. 1869, 4, 9. Dahin gehört auch eine spiegelkapsel im 
Brit. Mus. (Guide to the bronze room p. 42, 27), wo Diony- 
sos tanzend sich auf Eros lehnt, während daneben eine Muse 
(? Mänade?) die leier spielt. — Dass auch jene schöne kap- 
sei, wo Eros eiue frau umarmt (Compte r. 1865, 5, 1) sym- 
bolisch im sinne der Vasen zu fassen sei, ward schon be- 
merkt. Wahrscheinlich ist auch die nicht minder schöne 
kapsei Compte r. 1869, 1, 29 symbolisch zu fassen: einelei- 
denschaft hebt die andre auf im liebeleben der schönen. 
Vortrefflich soll ein griech. getriebnes relief im Brit. Mus. 
sein (Guide to the bronze room p. 38, 11): Eros allein einen 
wasservogel liebkosend, ein uns aus den Vasen bekanntes 

*) Zoega 79; Campana op. 53; Combe terrae, t. 5; Aginoourt 
recueil 7, 3 und 10, 4. 



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motiv. Endlich gehören der altern auffassung zwei terra- 
cottarelieffrg. an, wo Eros als jüngling die leier spielt 
(Laborde mal er. u. hist. reise in Spanien t. 59, 3, und im 
Münchner Antiquarium no. 483, etwas archaisirend.) 

So scheiden sich denn in der entwicklung des Eros deutlich 
zwei hauptperioden : die vor- und nachalexandrinische, von 
denen erstere vornehmlich durch die Vasenbilder vertreten 
ist Dieses resultat, das wir von Eros ausgehend zunächst 
nur für diesen gewannen darf nun aber auch eine allge- 
meinere bedeutung beanspruchen; denn sind die Vasenbil- 
der vom Hellenismus unberührt, so sind auch für die inter. 
pretation derselben alle eigentlich hellenistischen anschauun- 
gen auszuschliessen ; erst dann wird sich auch jene oft so 
frappante eigenart und Selbständigkeit der Vasen gegenüber 
der spätem und gewöhnlichem tradition erklären. 

Es füllen demnach unsre Vasen des malerischen stils 
eine grosse lücke in unsrer kenntniss der kunst des 4 jhh. 
würdig aus, einer zeit, die wenn auch vom höchsten höhen- 
punkte schon entfernt, uns doch die hellenische kunst noch 
einmal in ihrer ganzen frische und idealen poetischen Schö- 
pferkraft zeigt, bevor sie in hellenistischer epoche jene fol- 
genreiche wendung zum verstandesmässigen realismus macht. 
Verhehle ich mir auch keineswegs, wie sehr mein resultat 
noch der bestätigung von andren Seiten bedarf, so ist es 
immerhin als ein nicht geringer gewinn zu betrachten, wenn 
wir, von Eros ausgehend, bereits den historischen Stand- 
punkt der gesammten Vasenmalerei bestimmter fixiren 
konnten. 



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Nachträge. 

P. 20. Das säulenrelief von Ephesus Arch. z. 1872, 
t. 65, aus Skopasischer zeit, zeigt einen flügeljüngling mit 
schwert, den Curtius unbedenklich Agon nennt; dem scheint 
mir jedoch der zarte schlanke bau des jünglings und vor 
allem der Charakter des kopfes, wie ihn die abbildung gibt, 
zu widersprechen: ein köpf voll feinen psychologischen aus- 
drucks, ganz der liebe schmachtende, in sanfter Schönheit 
schwelgende gott Eros (man vgl., nur den Hermes dess. rel.). 
Das schwert weiss ich mir allerdings nicht genügend zu er- 
klären, wie ja die ganze composition noch ungedeutet ist ; 
doch kann es nicht gegen Eros entscheiden; warum sollte 
man ihm in der zeit der noch schwankenden attribute, als man 
ihm eben den bogen verliehen hatte (den er hier vielleicht 
in der 1. aufstützte), nicht auch einmal ein schwert zur be- 
tonung seiner macht beilegen? Andrerseits wären die ge- 
waltgen flügel bei Agon, dessen kunstdarstellung uns meines 
wissens nur aus den zwei stellen bei Pausanias bezeugt ist, 
erst noch zu erklären. Eine bestätigung meiner deutung 
als Eros finde ich in der frau neben ihm, deren ge- 
wandung und gestus vollkommen mit einem bekannten, 
durch classische attische werke repräsentirten Aphrodite- 
typus übereinstimmen (z. b. Overb. Gall. 26, 12 und die 
entsprechende Parthenonsmetope Michaelis t. 4, 24), so dass 
beide deutungen auf Aphrodite und Eros sich gegenseitig 
stützen. 

P. 35. Der eben erschienene Compte rendu für 1870 



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und 1871 bringt t. V, 1 eine neue Europe-Vase, wo ein 
Eros dem stiere, den Hermes geleitet, voranschwimmt (nicht 
schwebt), während ein zweiter bei dem erstaunt nachsehen- 
den Poseidon weilt, um ihn zu beschwichtigen. 

P. 54. Eine taube bietet Eros mädchen Compte r. 
1870-71, 6, 2. 

P. 54 Note 2. Ebenso Compte r. 1870—71, 6, 2 wo 
das tympanon deutlicher. 

P. 56. Dieses herannahen des Eros, entweder mit per- 
lenschnur oder tympanon oder ohne derartiges, um das herz 
des gegenübersitzenden mädchens zu erobern, zeigen noch 
drei reizende attische bilder im Compte r. 1870—71, VI, 3, 4, 5. 

P. 61. Dieselbe compositum: eine sitzende frau und 
ein Eros gegenüber, der ein bein höher stellt, die uns hier 
so unendlich oft begegnet, findet sich aber auch schon auf 
einer Vase (von etwas breiter derber Zeichnung), die auf der 
halbinsel Taman gefunden ward (CR. 1870—71 t. VI, 6). 
Doch charakteristisch ist hier im gegensatze zu jenen unter- 
italischen produkten die ungleich grössere frische und leben- 
digkeit der auffassung in geberde und Stellung, ferner das 
fehlen jener masse von attributen, indem Eros nur zwei 
kränze entgegenreicht; Eros selbst ist, wie auf attischen 
bildern öfter, nur mit einer strahlenkrone geschmückt ohne 
den weiblichen unteritalischen putz. — Die von mir ausge- 
schiedne classe der verfallbilder bietet also, was composition 
anlangt, durchaus nichts neues, wol aber fragt es sich, ob 
der sinn, den man ihnen beilegte, nicht ein andrer geworden. 



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